Biochemiker Thomas Scheibel

„Meine künstliche Spinnen-Seide soll den Menschen helfen“

Thomas Scheibel entwickelte die weltweit erste wettbewerbsfähige künstliche Spinnenseide. Um die Super-Faser industriell produzieren zu können, hat er ein Start-up gegründet. Für seine bahnbrechenden Forschungen hat er zahlreiche Preise erhalten.

Schon als Kind war Thomas Scheibel von Tieren und der belebten Natur fasziniert. Weil er das Forschen an der Schnittstelle von Biologie und Chemie besonders spannend fand, studierte er Biochemie in Regensburg und promovierte auch dort. Als sein Doktorvater Johannes Buchner den Lehrstuhl für Biotechnologie an der TUM übernahm, holte er Thomas Scheibel als Habilitant aus den USA dorthin zurück nach Deutschland. Phänomene aus der Natur im Labor zu imitieren und für kommerzielle Anwendungen nutzbar zu machen, wurde zu seinem großen Interesse. Bis heute lassen ihn diese Forschungsfelder der Biomimetik und Bionik nicht mehr los.

Thomas Scheibel erinnert sich gut an die Zeit an der TUM und an seinen langjährigen Mentor, der nicht selten die eigenen Interessen zugunsten derer seines Zöglings hintanstellte. Alle Freiheiten hatte er ihm gelassen, ihn ermutigt, immer auch über den Tellerrand zu blicken und selbst die verrücktesten Ideen auszuprobieren. Einzigartig fand Thomas Scheibel auch die am TUM Campus in Garching gebotene interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Biologen, Chemikern, Biochemikern und Ingenieuren. „Es war mir an der TUM möglich, höchst interdisziplinäre Forschung zu betreiben und dabei auf hervorragende technologische Ausstattung zurückzugreifen.“

Spinnenseide ohne Spinne

In seiner Zeit an der TUM hat Thomas Scheibel an neun erteilten Patenten mitgewirkt. Stets im Mittelpunkt stand hierbei sein Interesse, Biomaterialien zu entwickeln, die nützlich für die Menschen sind. Zu den spannendsten, zur Anwendung gekommenen Zukunftswerkstoffen zählt hier sicherlich die von ihm entwickelte künstliche Spinnenseide. Der wissenschaftliche Durchbruch gelang ihm 2004, indem er gentechnisch veränderte E. coli-Bakterien dazu brachte, Spinnenseidenproteine zu erzeugen. Mittels eines technischen Verfahrens können diese zur künstlichen Seidenfaser umgewandelt werden.

An der TUM war es möglich, optimal interdisziplinäre Forschung zu betreiben.

Um die biotechnologische Produktion des Proteins in die Massenfertigung zu überführen, gründete Thomas Scheibel 2008 mit Kollegen ein eigenes Start-up mit der TUM als Gesellschafter. „Dass die TUM an unserem Unternehmen beteiligt ist, ist schon außergewöhnlich. An anderen Universitäten wäre das sicherlich nicht so leicht gewesen“, so Thomas Scheibel. Seither wird an der Ausgründung erfolgreich universitäre Forschung in weltweit vermarktbare Produkte übertragen. Die extrem robusten, leichten, wasserfesten und fast unsichtbaren Biotech-Spinnenseiden-Materialien etwa findet heute Anwendung in medizinischen Implantaten, Sportschuhen oder atmungsaktivem Nagellack. Damit der künstlich erzeugte Rohstoff nicht ausgeht, wurde im Technikum des Forschungszentrums für Weiße Biotechnologie der TUM an noch effizienteren Herstellungsprozessen geforscht.

Arbeitsteilung, Teamwork und Vertrauen

Thomas Scheibel selbst war im Unternehmen nie in operativen Funktionen tätig, sondern stets in dem Bereich seiner Expertise. „Ich habe getüftelt und entwickelt und habe diejenigen universitären Projekte herausgepickt, die erfolgversprechend waren – und die dann die anderen; die Unternehmensführung, die Experten aus Wirtschaft und Industrie für die kommerzielle Produktion weiterentwickeln konnten. Diese grundlegende Arbeitsteilung war eine der maßgeblichen Entscheidungen bei unserer Ausgründung und hat der Entwicklung des Unternehmens sehr gut getan.“

Auch jungen Unternehmensgründern rät Thomas Scheibel zu einem solchen, auf Arbeitsteilung und Teamwork aufbauendem Geschäftsmodell, bei dem vor allem auch gegenseitiges Vertrauen und gutes menschliches Miteinander nicht zu kurz kommen dürfen. „Die beste Idee“, so der Proteinchemiker, „nützt nichts ohne ein gutes Team, in dem ein jedes Mitglied durch seine Expertise das Unternehmen voranbringt.“

Das, was er an der TUM von seinem Mentor Johannes Buchner gelernt hat und durch die Ausgründung erleben durfte, versucht Thomas Scheibel heute selbst dem wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Bayreuth zuteil werden zu lassen. Derzeit ist eine seiner Doktorandinnen im kolumbianischen Regenwald unterwegs. Bisher konnte sie schon 26 noch unerforschte Spinnenarten entdecken. Wer weiß, zu welchen nützlichen Materialien diese Tiere Thomas Scheibel verhelfen werden. Wenn nicht, werden es die Muscheln sein, an denen er gerade forscht. „Ich muss nicht nur Seide machen“, sagt er schmunzelnd, „Muscheln produzieren super interessante Kleber. Das ist auch spannend.“