TUM Ambassador Polly Arnold

„Wir alle bevorzugen Männer“

Polly Arnold ist eine der führenden Expertinnen der Synthetischen Chemie und unterstützt aktiv junge Wissenschaftlerinnen. Als inspirierendes Vorbild macht sie auf den geringen Anteil an Top-Forscherinnen aufmerksam und erklärt, wieso wir Männer im Berufsalltag bevorzugen.

Als sie ihre Schule beendete, wusste Professorin Arnold bereits, dass sie keinen normalen Bürojob wollte: „Ich habe es immer geliebt, Probleme zu lösen und mit meinen Händen zu arbeiten.“ Wenn man sie kennenlernt, merkt man schnell: Arnold ist eine außerordentlich fokussierte, zielstrebige und kreative Person. Kein Wunder also, dass sie bereits unzählige Auszeichnungen erhalten hat. Auch die TUM schätzt sie für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen genauso wie ihr entschlossenes Engagement für den wissenschaftlichen Nachwuchs und ehrte sie im Dezember 2017 als TUM Ambassador.

Arnolds Erfolgsrezept als Chemikerin in einem männerdominierten Bereich? „Ich arbeite wirklich hart. Ich hatte immer gute Unterstützung, und ich liebe es“, erklärt sie. „Meine Motivation ist eine Kombination aus Unruhe und Optimismus. Die Unruhe ermöglicht mir, dass ich offen bleibe und Ergebnisse immer wieder in Frage stelle. Mein Optimismus hilft mir, die ungewöhnlichsten chemischen Reaktionen vorzuschlagen.“

Zögernd ergänzt sie: „Aber ich befürchte, es ist für meinen Erfolg auch bedeutsam, dass ich keine Kinder habe.“ Und sie könnte damit Recht haben. Nicht nur in ihrem Heimatland Großbritannien zählen Frauen, die in den MINT-Wissenschaften (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) Karriere machen, immer noch zu einer Minderheit. Auch in Deutschland liegt der Anteil an Professorinnen in den MINT-Fächern gerade einmal bei knapp 13 Prozent. Doch auch für Frauen ohne Kinder gibt es eine Kehrseite. So gibt Professorin Arnold zu denken: „Als Frau ohne Kinder, mache ich mir Sorgen, ich könnte als ‚Maschine‘ oder als ‚die aggressive Frau, die niemand mag‘ gesehen werden“ – eine weitere Realität, die zu viele Frauen in ihrem Berufsleben erfahren.

„Unconscious Bias“ oder die unbewussten Vorurteile gegenüber Frauen

Arnold sieht einen wichtigen Grund dafür in unserer Gesellschaft und zwar bei jedem von uns. Männer wie Frauen ziehen Männer im Berufsalltag vor, wenn es um Führungspositionen geht – und das sehr oft völlig unbewusst. Für sie war es schockierend, sich mit diesem „Unconscious Bias“, den „unbewussten Vorurteilen“, zu befassen.

„Das Problem ist, Frauen haben diese Vorurteile genauso“, sagt sie mit Nachdruck. Sich dessen nicht bewusst zu sein, dass man Männer für bestimmte Karrieren oder auch im täglichen Leben bevorzugt, sei das wahre Problem unserer Gesellschaft. „Uns immer wieder an unsere Vorurteile zu erinnern, ist mühsam und langweilig. Aber es ist so wichtig, uns immer genau dann daran zu erinnern, wenn wir Entscheidungen treffen müssen. Vor allem wenn wir gestresst oder müde sind, dann beeinflussen uns unsere Vorurteile noch stärker.“

Was können wir noch tun, um dieses Problem zu lösen? Arnold weiß, starke Mentorinnen und Mentoren, die feministisch denken, sind für Frauen entscheidend. „Wenn man mit Frauen redet, die noch in der Wissenschaft arbeiten, hatten beinahe alle von uns Mentoren, die uns tatkräftig unterstützten und ermutigten“, sagt sie. Sie selbst bezeichnet sich als stolze Feministin und versucht ununterbrochen, die bestmögliche Mentorin für den Wissenschaftsnachwuchs zu sein – insbesondere für den weiblichen.

WIR MÜSSEN DIE GESELLSCHAFT DAFÜR VERANTWORTLICH MACHEN. DAS HAUPTPROBLEM SIND UNSERE UNBEWUSSTEN VORURTEILE – NICHT NUR IN DER WISSENSCHAFT.

Dies ist auch ein Grund, wieso sie mit dem Preisgeld des Rosalind Franklin Prize der Royal Society die Produktion des Dokumentarfilms “A Chemical Imbalance” finanzierte. In dem Film zeigt Arnold verschiedene Gründe auf, die dazu beitragen, dass die Unterrepräsentanz von Frauen in allen wissenschaftlichen Feldern bis heute andauert.

Scientist Sisterhood – ein Netzwerk

Unermüdlich wie sie ist hat Arnold außerdem vor kurzem ein neues Projekt initiiert. “Scientist Sisterhood”: ein Netzwerk für Senior-Forscherinnen in Schottland, das online sichtbar ist. Die Expertinnen können so beispielswiese als Konferenzsprecherinnen über eine Landkarte schnell und ohne viel Recherche gefunden und kontaktiert werden.

Es scheint eine simple Idee, aber ein übergreifendes Netzwerk ist längst überfällig. Frauen machen nur circa zehn Prozent der Senior-Wissenschaftler an Universitäten, in öffentlichen Einrichtungen und der Industrie in Großbritannien aus. „Diese Frauen können sich in einer Position wieder finden, in der sie die einzige Frau innerhalb eines Bereichs sind und dabei vielleicht ein reines Männerteam leiten“, erklärt Arnold. Ihre Idee ist, dass diese Frauen sich gegenseitig stärken und sich über ein Netzwerk unterstützen, das ihre Exzellenz hervorhebt.

Seit 2013 werden jährlich internationale Gastforschende zu TUM Ambassadors ernannt. Sie finden hier alle TUM Ambassadors auf einen Blick.