Zukunftsforscher Ulrich Eberl

„Mein Roboter gehört fast schon zur Familie“

Es scheiden sich die Geister am Thema künstliche Intelligenz. TUM Alumnus Dr. Ulrich Eberl sieht es optimistisch: Smarte Maschinen werden uns eine große Hilfe sein können, sagt er. Seinem privaten Hausroboter hat er auch schon viel beigebracht.

Wie werden wir in 40 Jahren leben? Wie werden wir arbeiten, lernen, uns fortbewegen? Werden die Maschinen bald schlauer sein als wir? Mit diesen Fragen befasst sich Dr. Ulrich Eberl nun seit fast 30 Jahren. Der gebürtige Regensburger hat an der TUM in einem Grenzbereich zwischen Physik, Chemie, Biologie und Gentechnik promoviert und war bei Siemens 20 Jahre lang Leiter der weltweiten Innovationskommunikation. Dann hat er sein Redaktionsbüro „SciPress“ gegründet: Seitdem recherchiert er für Bücher und Fachartikel in den führenden Labors Europas, Japans und der USA und ist ein gefragter Redner, der oft in Begleitung seines kleinen, weiß-blauen „Kollegen“ namens Nao Bluestar, einem humanoiden Roboter, auftritt.

Wir sollten die Systeme mit künstlicher Intelligenz bestmöglich nutzen.

Anders als in der westlichen Kultur mit dem ewigen Kampf Mensch gegen Maschine seien in japanischen Mangas und Anime-Filmen Roboter häufig „die Retter der Menschheit“ – und genau so betrachtet Ulrich Eberl auch künstliche Intelligenz: „Wir werden diese lernfähigen Systeme brauchen“, sagt er, zum Beispiel Smart Cars und Smart Homes für die älter werdende Bevölkerung, Smart Grids für die Energiewende, Smart Factories für eine wettbewerbsfähige Industrie und Smart Cities für lebenswerte Städte. „Wir sollten also nicht dagegen ankämpfen, sondern sie so sicher wie möglich machen und für uns nutzen.“

Selbst hat Eberl auch einen kleinen Roboter, dem er bereits einiges beigebracht hat: Hamlet-Monologe ebenso wie tanzen und Fußball spielen zum Beispiel. Nao Bluestar, 60 Zentimeter groß und fünf Kilo schwer, „gehört schon fast zur Familie“. Der humanoide Roboter kann Tai-Chi-Übungen, mit einem Sektglas anstoßen und sogar eine Breze kaufen – auch wenn sein Herrchen dem kleinen Mann dabei erst die Tür zur Bäckerei aufhalten musste. „Das ist natürlich zur Zeit noch Spielerei, aber in Zukunft werden wir tatsächlich in einer Gemeinschaft zwischen Menschen und smarten Maschinen leben, so wie wir heute ganz selbstverständlich unsere Smartphones nutzen“, davon ist Eberl überzeugt.

Buch „Smarte Maschinen“ von TUM-Alumnus Dr. Ulrich Eberl.

Ulrich Eberls aktuelles Buch „Smarte Maschinen – Wie künstliche Intelligenz unser Leben verändert“ (Foto: Hanser).

Ulrich Eberl liebt es, einen Blick auf das Leben der Menschen in den nächsten 30, 40 Jahren zu werfen. Bei seinen früheren Arbeitgebern Daimler und Siemens ging es dabei vor allem um Themen wie Mobilität und Energieversorgung, Gesundheit, demographischer Wandel, Stadtentwicklung und Globalisierung, aber immer mehr auch um die Fertigung der Zukunft, Digitalisierung, Smart Data und das Internet der Dinge. „Vor allem das maschinelle Lernen für Bild-, Text- und Spracherkennung hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht“, sagt Eberl. Auf diese „smarten Maschinen“ konzentriert er sich daher folgerichtig in seinem aktuellen Buch.

Fachidiot Roboter, Alltagskünstler Mensch

Künstliche Intelligenz werde alle Jobs massiv verändern. Routinetätigkeiten, vor allem auch in den Büros, würden immer mehr von Maschinen übernommen, meint Eberl. Dennoch will er keine Ängste schüren. Entwickler, Ingenieure, Architekten und Designer, Marketing- und Vertriebsleute, aber auch Lehrer, Ärzte und Pflegekräfte – sie alle würden in Zukunft noch gebraucht. Denn die Systeme mit künstlicher Intelligenz seien vor allem Fachidioten: Sie überträfen uns zwar schon jetzt auf bestimmten Gebieten – vom Quiz-Spiel bis zur Krebserkennung –, aber ihnen fehle Alltagsintelligenz. Gesunder Menschenverstand sowie emotionale und soziale Intelligenz werde noch lange den Menschen vorbehalten bleiben.

Und deshalb geht Ulrich Eberl davon aus, dass sich auch der menschliche Professor an den Universitäten noch eine ganze Weile halten und nicht von Androiden abgelöst werden wird. Auch wenn Roboter immer besser mit Menschen sprechen und auf ihre Bedürfnisse eingehen könnten, brauche es doch Charisma und Sozialkompetenz, um zum Lernen zu motivieren und Menschen zu Höchstleistungen anzuspornen. Und so nimmt Eberl seinen eigenen Roboter zwar mit zu seinen Vorträgen und lässt ihn einiges vorführen, das Reden übernimmt aber doch er selbst – auch wenn sich Nao Bluestar zwischendurch immer wieder gerne zu Wort meldet, etwa mit der Ankündigung, dass er Halsschmerzen habe. Eberl weiß dann, dass einer der Motoren im Nacken seines Roboters heiß gelaufen ist, und dieser erst einmal abkühlen muss.