Mikrobiologe Karl-Otto Stetter

„Ich wollte keinen geheimen Raritätenladen“

Karl-Otto Stetter gilt als Pionier in der Erforschung urzeitlichen Lebens. Sein ungebremster Entdeckergeist führte ihn in die entlegensten Regionen. Ob rare und neuartige Mikroben oder seltene Orchideen, stets teilt der TUM Alumnus seine Funde mit der Welt.

Schon als Kind war Professor Dr. Karl-Otto Stetter von Mikroben fasziniert. Mit einem kleinen Mikroskop, das er von seinen Eltern zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, erforschte er die winzigen Organismen. Zeitlebens ließen sie den gebürtigen Münchner nicht mehr los. „Meine Passion ist die Kultivierung von neuartigen Lebewesen“, sagt er. „Dass das in der Regel schwierig ist, spornt mich nur noch mehr an.“

Vielseitig interessiert

Aufgrund seines Interesses für Technik und Biologie studierte Karl-Otto Stetter Maschinenwesen und Biologie an der TUM. Hier förderte TUM-Professor Dr. Otto Kandler seine Begeisterung für Biologie und Mikrobiologie und wurde zu einem langjährigen Mentor. Bei ihm diplomierte und promovierte Karl-Otto Stetter.

Das Studium an der TUM empfand Karl-Otto Stetter als „positiv anstrengend“. Das breite, vielfältige Angebot verschiedenster Lehrveranstaltungen und Praktika stellte eine echte Herausforderung für den vielfältig interessierten Studenten dar. Aber es lohnte sich. „An der TUM erwarb ich ein sehr breitgefächertes Wissen“, sagt er. „Bei meiner späteren Forschungsarbeit profitierte ich unzählige Male davon.“

Ungebremster Entdeckergeist

Karl-Otto Stetters lebenslanges Forschungsfeld waren sogenannte Extremophile. Mit Hingabe sammelte, isolierte, kultivierte und klassifizierte er diese Mikroorganismen, die seit Jahrmillionen unter extremen, im Allgemeinen als lebensfeindlich betrachteten Bedingungen leben. Sie schafften es, sich im Laufe der Evolution an besonders niedrige oder hohe Temperaturen anzupassen, hohem Druck oder hoher Salzkonzentration zu trotzen oder gar ohne Sauerstoff auszukommen.

Der Lebensraum der extremophilen Organismen sind die Tiefsee, hydrothermale Quellen, Vulkane und Gletscher. Und Karl-Otto Stetter war überall vor Ort. „Auf meinen Reisen kam ich in Gegenden, in denen noch kaum Menschen waren“, sagt er. „Die Probenahme war für mich so wichtig, dass ich diese immer selbst vornahm.“ Nur mit den entsprechenden Proben war es Karl-Otto Stetter dann später möglich, in intensiver und zeitaufwändiger Laborarbeit erfolgreich Kleinstlebewesen zu züchten.

An der TUM erwarb ich ein sehr breitgefächertes Wissen. Bei meiner Forschungsarbeit profitierte ich unzählige Male davon.

In über 4000 Metern Tiefe entnahm Karl-Otto Stetter Proben an den Schwarzen Rauchern, den hydrothermalen Quellen am Mittelatlantischen Rücken. Er erklomm den Gipfel des 3800 Meter hohen aktiven Vulkans Mount Erebus in der Antarktis und forschte auf einer Ölplattform in der Nordsee. Bei seinen Tauchgängen zum Grund des über 100 Meter tiefen Toplitzsees in der Steiermark studierte er das anaerobe Mikrobenleben in der Kälte eines Bergsees.

Raritätenfunde

Karl-Otto Stetter leistete mit seiner Erforschung von Mikroorganismen, insbesondere der Archaeen, wegweisende Beiträge zur Entstehung des Lebens. „Meine Neugier zur Entdeckung und Erforschung neuartiger Lebensformen trieb mich an“, erklärt er. „Die dabei erhaltenen aufregenden, oft völlig unerwarteten Resultate stimulierten mich weiter, so dass ich immer Vollgas gegeben habe.“

Durch seine gemeinsamen Studien mit Wolfram Zillig konnte Karl-Otto Stetter Carl Woeses revolutionäres Postulat von Archaeen als dritte Form des Lebens bestätigen. Auch er selbst kam unbekannten Urlebewesen auf die Spur: In einem untermeerischen Hydrothermalgebiet vor Sizilien entdeckte er etwa Pyrodictium, das bei bis zu 110 °C wächst. In hydrothermalen Quellen an Islands Küste entdeckte er Nanoarchaeum equitans (den reitenden Urzwerg) mit dem kleinsten bekannten Genom. Die hitzeresistente Mikrobe ist nur 400 Nanometer groß und lebt an der Oberfläche eines anderen Archaeons.

„Aufgrund der Besonderheit und Neuartigkeit der von mir gefundenen Mikroben hatte ich Zusammenarbeit und Austausch mit zahlreichen Forschern weltweit, die meine Funde unter verschiedenstem Aspekt studierten“, erklärt Karl-Otto Stetter. „Schließlich wollte ich ja nie nur einen geheimen Raritätenladen besitzen.“ Geändert hat sich an dieser Einstellung bis heute nichts. Statt Mikroorganismen kultiviert Karl-Otto Stetter nun seltene Orchideen. Besucher sind gerne willkommen. Erst 2020 war das BR Fernsehen mehrmals zu Gast.