Bauingenieur und Manager

Am 25. Dezember 1897 wurde Ulrich Finsterwalder in München geboren. Sein Vater war der bedeutende, an der Technischen Hochschule München Darstellende Geometrie lehrende Professor Sebastian Finsterwalder. Von der Mutter, einer Südtirolerin, erbte er das kaufmännische Talent. Im Jahr 1916 legte er die Abiturprüfung ab. Danach leistete er bei den Pionieren Kriegsdienst und war von 1918–20 in französischer Kriegsgefangenschaft, in der er sich mathematisch fortbildete. Auf Anraten seines Vaters studierte er Ingenieurwesen an der TH München, da dessen Ansicht nach in diesem Fach mehr neue Entwicklungen zu erwarten waren als in der Geometrie. Im Wintersemester 1920/21 belegte er zunächst das Fach Maschineningenieurwesen, zum Sommersemester 1921 wechselte er zum Bauingenieurwesen und erwarb 1923 das Diplom.

Lebenslange Tätigkeit für Dyckerhoff & Widmann

In diesem Jahr trat er als Tragwerksplaner und Konstrukteur in die Firma Dyckerhoff & Widmann ein. Parallel zu der Tätigkeit an seiner neuen Arbeitsstelle arbeitete er an seiner Promotion. Sein Lehrer Ludwig Föppl brachte ihn auf sein Lebensthema Schalenkonstruktionen. Seine Firma DYWIDAG schickte ihn zwei Jahre lang zur Firma Zeiss nach Jena, damit er dort bei der Konstruktion von Planetarien Erfahrung in der Weiterentwicklung des dünnwandigen Schalenbaus sammeln konnte. Im Jahr 1930 wurde er an der Technischen Hochschule München mit Auszeichnung promoviert. In seiner Doktorarbeit entwickelte er eine Berechnungsmethode für querversteifte Zylinderschalen. Bei der DYWIDAG brachte er seine theoretischen Forschungsergebnisse in die Weiterentwicklung der »Zeiss-Dywidag-Schalenbauweise« ein. Im Jahr seiner Promotion heiratete er Eva Habild, die Tochter eines Kollegen.

Mitwirkung bei bedeutenden Bauten

Ab 1925 arbeitete er im Konstruktionsbüro der Dyckerhoff & Widmann-Hauptverwaltung in Wiesbaden-Biebrich unter Leitung des Chefkonstrukteurs Franz Dischinger, einem bekannten Schalenkonstrukteur. Bei der Großmarkthalle in Frankfurt am Main (1928) wagte es Finsterwalder, das Tonnendach flacher als vorgegeben zu bauen – ohne seinen Chef um Erlaubnis zu fragen. Mit dem von älteren Berechnungsmethoden ausgehenden Dischinger kam es daraufhin zu einem erbitterten Streit. Doch Finsterwalder behielt Recht.

 

Architekt und Ingenieur […] müssen von dem Bestreben durchdrungen sein, ein Kunstwerk zu schaffen.1

 

Ein herausragendes Bauwerk war die von Franz Dischinger, Alfred A. Goenner und Ulrich Finsterwalder verantwortete Basler Markthalle (1929). Das dünnwandige Schalengewölbe der Achteckkuppel war eine Weiterentwicklung der Kuppelkonstruktion der Leipziger Großmarkthalle. Die Dicke betrug acht Zentimeter, der Durchmesser 60 Meter, die Höhe 28 Meter. Das durch acht Säulen gestützte Bauwerk überspannt eine Fläche von rund 3000 Quadratmetern. Die Basler Markthalle war seinerzeit der drittgrößte Massivkuppelbau nach der Jahrhunderthalle in Breslau und der Leipziger Großmarkthalle. Heute steht sie unter Denkmalschutz.

Leitende Tätigkeit in der Hauptverwaltung

Nach der Berufung von Franz Dischinger auf eine Professur der Technischen Hochschule Berlin wurde Finsterwalder im Jahr 1933 Leiter des Konstruktionsbüros in der nach Berlin verlegten Hauptverwaltung. Schon im ersten Jahr dieser Tätigkeit hatte er Pech: Die Flugzeughalle Cottbus stürzte ein, und Finsterwalder kam wegen Verdachts auf Sabotage in Untersuchungshaft, ihm drohte sogar die Todesstrafe. Doch das Gutachten von Professor Dischinger entlastete ihn sowohl vom Vorwurf der Sabotage wie dem der Fahrlässigkeit. Im Jahr 1941 stieg er zum Mitglied der technischen Geschäftsleitung, 1949 zum persönlich haftenden Gesellschafter und Mitglied der Geschäftsleitung auf. Für den geplanten neuen Münchener Hauptbahnhof entwarf er 1939 eine Flechtwerkkuppel mit sage und schreibe 280 Metern Spannweite bei 100 Metern Höhe, doch wurde sein Entwurf nicht ausgewählt, und der monumentale Bahnhof schließlich nie gebaut.

Betonschiffbau als Kriegsaufgabe

Im Krieg war Finsterwalder vom Militärdienst freigestellt und wurde 1942 mit der Leitung eines Projekts zum Betonschiffbau in Schalenbauweise beauftragt. Solche Schiffe waren zwar schwerer als stählerne Schiffe, doch zwang der Mangel an Stahlblechen und Stahlprofilen zu neuen Wegen in der Schifffahrt. Für seine Verdienste auf diesem Gebiet wurde er 1944 mit der Silbernen Dr. Fritz Todt-Nadel ausgezeichnet. Auch konstruierte er Stahlbetonbauten für Pontons, Docks und Luftschutzzwecke. Wegen seiner parteikritischen Haltung sollen Berufungen auf Lehrstühle Technischer Hochschulen von Parteistellen nicht genehmigt worden sein. Denn der überzeugte Katholik war der NSDAP nicht beigetreten. Dennoch wurde er von der US-Militärregierung 1945 vorübergehend suspendiert, konnte aber bald in die Firma zurückkehren.

Die Bendorfer Brücke – ein Höhepunkt

Finsterwalder baute das Konstruktionsbüro am neuen Firmensitz München wieder auf und verhalf dem Spannbeton zum Durchbruch. Mit den DYWIDAG-Spannstäben war es möglich, auch Betonbrücken im wirtschaftlich günstigen Freivorbau ohne Lehrgerüste zu bauen. Ein Höhepunkt dieser Bauweise war 1965 mit der Bendorfer Brücke über den Rhein erreicht. Sie brachte es damals mit 208 Metern zu einer Rekordspannweite für Spannbetonbalkenbrücken. Für diese Leistung erhielt Finsterwalder 1968 den Ehrendoktor der Fakultät für Bauingenieur- und Vermessungswesen der Technischen Hochschule München.

Weitere Ehrungen und Auszeichnungen waren die Edward Longstreth Medal des Franklin Institute in Philadelphia (1938 gemeinsam mit der Firma Dyckerhoff & Widmann), die Ehrendoktorwürde der TH Darmstadt (1950), die Emil-Mörsch-Denkmünze des Deutschen Beton-Vereins (1953), das Große Bundesverdienstkreuz (1963), die Außerordentliche Mitgliedschaft in der Akademie der Künste Berlin (1968), die Freyssinet-Medaille (1970) und der Preis der Internationalen Vereinigung für Brückenbau und Hochbau (1977). Im Jahr 1976 wurde er als erster Ausländer in die US-amerikanische National Academy of Engineering aufgenommen. Zu seinem Lebenswerk zählen auch über 80 Aufsätze und Vorträge.

Überzeugung anstelle von Anweisungen

Anstatt autoritäre Anweisungen zu erteilen, überzeugte Finsterwalder seine Mitarbeiter in geduldigen Diskussionen mit Rechenschieber, Bleistift und Papier von der Richtigkeit seiner Ansichten. »Fi« wurde respektiert und bewundert. »Seine überragenden Fähigkeiten im Umgang mit dem Spiel der Kräfte und dem Umsetzen in die Wirklichkeit versetzten jeden von uns in Staunen«2, erinnerte sich sein Schüler Leonhard Obermeyer. Finsterwalder arbeitete mit bekannten Architekten zusammen und legte bei seinen Nutzbauten großen Wert auf deren künstlerischen Beitrag.

Rufablehnungen

Rufe der Technischen Hochschule München und von Universitäten auf Lehrstühle für Massivbau lehnte er ab, da er es vorzog, seine Verfahren mit den personellen und technischen Mitteln eines Großunternehmens in die Tat umzusetzen. Mit zahlreichen Erfindungen entwickelte er den Stahlbetonbau in allen Bereichen weiter – bei Schalenbauten und Hallen, Stahlbetonfachwerkträgern mit Vorspannung durch Eigengewicht, Booten und Schwimmkörpern aus Stahlbeton, Hochbauten, Spannbetonbrücken und Hängedächern. Zu seinen bedeutenden Mitarbeitern und Schülern zählten die TUM-Professoren Hubert Rüsch, Herbert Kupfer und Georg Knittel. Darüber hinaus sind Anton Tedesco, Leonhard Obermeyer, Dieter Jungwirth, Herbert Schambeck und Helmut Bomhard zu nennen.

Im Jahr 1973 schied Finsterwalder mit 76 Jahren aus der DYWIDAG-Geschäftsleitung aus und arbeitete noch 15 Jahre lang als beratender Ingenieur, z. B. beim Jahrhundertprojekt Brenner-Basistunnel. Noch mit 90 Jahren befasste er sich mit dem Projekt einer Unterquerung der Meerenge von Messina. Seine eiserne Disziplin sowie regelmäßiges Wandern und Skilaufen ermöglichten es ihm, bis ins hohe Alter zu arbeiten. Am 5. Dezember 1988 starb er in München.

Anlässlich ihres 125-jährigen Firmenjubiläums im Jahr 1990 stiftete die DYWIDAG den Ulrich-Finsterwalder-Preis, der jedes Jahr an besonders begabte Doktoranden der Technischen Universität München vergeben wurde. Dies endete leider mit Übernahme der Firma durch den Strabag-Konzern (2005). Der Verlag Ernst & Sohn lobte 1988 einen ab 2015 nach Ulrich Finsterwalder benannten Ingenieurbaupreis für herausragende Leistungen im Konstruktiven Ingenieurbau aus. Am 1. Oktober 2013 ehrte das Deutsche Museum München den großen Bauingenieur mit einer Gedenkveranstaltung.

1. Zit. nach Cengiz Dicleli: Ulrich Finsterwalder – Ein Leben für den Betonbau, in: Beton- und Stahlbetonbau 108 (2013) 9, S. 671.

2. Zit. nach ebd., S. 662.