Nobelpreisträger und Jahrhundertschriftsteller

Paul Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Sein Vater Thomas Johann Heinrich war Kaufmann und brachte es zum Senator der Hansestadt. Die Mutter Julia da Silva-Bruhns war die Tochter eines nach Brasilien ausgewanderten Farmers und einer Brasilianerin. Von ihr erbte Thomas die Erzählgabe und die Liebe zur Musik. Er wuchs mit den Brüdern Heinrich und Viktor sowie den Schwestern Julia und Carla auf.
Bereits als Schüler schrieb er Erzählungen und Aufsätze für die künstlerische Zeitschrift »Der Frühlingssturm«. Der Schulbesuch langweilte ihn. Er musste mehrmals Klassen wiederholen und erwarb mit sehr mäßigen Noten 1894 am Gymnasium in Lübeck die Mittlere Reife. Danach übersiedelte er zur Mutter und den Geschwistern nach München.
Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1891 hatte die Familie eine Wohnung in der Schwabinger Rambergstraße 2 bezogen. Zunächst arbeitete er auf Geheiß seines Vormunds als Volontär bei einer Feuerversicherungsgesellschaft, entschloss sich jedoch bald, als Journalist tätig zu werden.

Kurzes Gastspiel an der TH München

Im Wintersemester 1894/95 und im Sommersemester 1895 schrieb sich Thomas Mann an der Technischen Hochschule München als Hörer ein. Hierfür brauchte er kein Abitur, nur das Mindestalter von 17 Jahren und den Nachweis Guten Betragens. Er besuchte Vorlesungen zu Grundzügen der Ästhetik, zur Allgemeinen Kunstgeschichte, deutschen Literaturgeschichte, zu Shakespeares Tragödien, zur deutschen Geschichte und zur Nationalökonomie. Gewissenhaft fertigte er Mitschriften in einem »Collegheft« an, das sich erhalten hat und 2001 veröffentlicht wurde.
Sein besonderes Interesse fanden die Vorlesungen zur mittelhochdeutschen Literaturgeschichte von Professor Wilhelm Hertz – auch solche allgemeinwissenschaftlichen Inhalte bot die TH München an. Als wertvoll erachtete er auch das Kolleg zur Nationalökonomie von Professor Max Haushofer. Franz von Rebers architekturgeschichtliche Vorlesungen tadelte er hingegen in seinem Kollegheft: »Außerordentlich langweilig.«2 Nach zwei Semestern hatte er zum weiteren Hochschulbesuch keine Lust mehr und folgte seinem Bruder Heinrich nach Italien.
Ordentlicher Student der TH München wurde später sein Bruder Viktor, der dort von 1911–14 Landwirtschaft studierte.

Spuren der Vorlesungen in seinen Werken

Im Rückblick schrieb Thomas Mann: »Ich war Student, ohne es wirklich zu sein.«3 Manches von dem Gelernten konnte er später verwerten, so seine nationalökonomischen Kenntnisse in dem Roman »Königliche Hoheit« (1909). Auch kommen mehrfach in seinen Werken Ingenieure vor, so in seiner Erzählung »Unordnung und frühes Leid« (1925) der Ingenieurstudent Max Hergesell. Das Vorbild für diese Figur gab der Doktorand der TH München Fritz Riemerschmid ab, der 1932 mit einer Arbeit über den »Einfluss der Zähigkeit des Wassers auf die hydraulischen Eigenschaften einer kleinen Francisturbine« promoviert wurde und ein motorradähnliches Kettenfahrzeug erfand. Auch Hans Castorp in seinem Bildungsroman »Der Zauberberg« (1924) ist Ingenieur, allerdings für Schiffbau, was an der TH München nicht angeboten wurde.
Das Umfeld der in der Maxvorstadt gelegenen Technischen Hochschule prägte das Leben von Thomas Mann. Vorübergehend wohnte der Schriftsteller im Jahr 1898 einige Monate mit seinem Bruder Heinrich Mann in der Theresienstraße 82/Erdgeschoss, danach allein in der Barerstraße 69/I, bevor er im November desselben Jahres wieder nach Schwabing und schließlich von 1914 bis 1933 in seine neugebaute Villa in der Poschingerstraße 1 am Herzogpark zog. Dort lernte Thomas Mann von seinem Hausnachbarn, dem Zoologieprofessor Karl Gruber der TH München, manches Wissenswerte über dessen Fach, was er in seine Erzählung »Herr und Hund. Ein Idyll« (1918) einfließen ließ. Ein Exemplar des Buches widmete er Gruber.

Begegnung mit Katja Pringsheim in der Tram

Seine wegen Untauglichkeit vorzeitig beendete Militärdienstzeit von Oktober bis Dezember 1900 absolvierte Thomas Mann beim Kgl. Bayer. Infanterie-Leib-Regiment in der Türkenkaserne. Um 1903, 1904 fiel ihm in der Straßenbahnlinie 2, »[a]n einer bestimmten Stelle, Ecke Schelling-/ Türkenstrasse«4 (er meinte wohl die Kreuzung Theresien-/Türkenstraße) zum ersten Mal seine spätere Ehefrau Katja Pringsheim auf, als sie ohne Fahrschein dem Schaffner resolut Kontra gab. Im Jahr 1905 heiratete er die Studentin der Ludwig-Maximilians-Universität, die dort Vorlesungen über Mathematik und Physik wie auch über Philosophie, Malerei und Kunstgeschichte besuchte. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Die Villa seines Schwiegervaters Dr. Alfred Pringsheim, Ordinarius für Mathematik an der Ludwig-Maximilians-Universität, befand sich unweit der Hochschule in der Arcisstraße 12.

»Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar ausgesprochen, daß beinahe alles Große, was dastehe, als ein Trotzdem dastehe […]« 1

Ab 1896 konnte Thomas Mann dank der Zinsen aus dem väterlichen Vermögen als freier Schriftsteller leben. Von 1898–1900 arbeitete er als Lektor und Korrektor bei der satirischen Zeitschrift »Simplicissimus«. In dieser Zeit fand er mit seinen Erzählungen und Novellen Aufmerksamkeit. Berühmt wurde er mit dem Roman »Die Buddenbrooks – Verfall einer Familie« (1901), für den er 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Weitere bedeutende Romane waren »Königliche Hoheit« (1909), »Der Zauberberg« (1924), »Joseph und seine Brüder« (1933 bis 1943), »Lotte in Weimar« (1939), »Doktor Faustus« (1947) und die »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« (Fragment; 1954). Literarische Dokumente ersten Ranges sind auch seine für die Zeiträume September 1918 bis Dezember 1921 und März 1933 bis Juli 1955 erhaltenen Tagebücher.

Der Streit mit dem Bruder Heinrich

Thomas Mann war nationalkonservativ eingestellt und unterstützte im Ersten Weltkrieg die deutschen Kriegsanstrengungen. Der monarchie- und kriegsfeindlichen Schrift »Zola« (1915) seines Bruders Heinrich setzte er die »Betrachtungen eines Unpolitischen« (1918) entgegen, in denen er eine überlegene deutsche »Kultur, Seele, Freiheit, Kunst« westeuropäischer »Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur« gegenüberstellte.5 Diesen Gegensatz hielt er für die eigentliche Ursache des Weltkriegs.
Die politische Rechtfertigungsschrift führte zum vorübergehenden Zerwürfnis der beiden ungleichen Brüder. Doch schon bald bezeichnete sich Thomas Mann als »Vernunftrepublikaner« und bekannte sich in seiner Rede »Von deutscher Republik« (1922)zur Weimarer Republik. »Mann von Bord« höhnten nun seine rechten Gegner. Er entwickelte sich zu einem der schärfsten Kritiker des National- sozialismus, den er 1930 als Teil einer »Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsrohheit«6 charakterisierte.
Als die NSDAP im Januar 1933 an die Macht kam, kehrte die Familie Mann im Frühjahr nicht mehr von einer Auslandsreise zurück und wählte sich Küsnacht bei Zürich als Exil. Nach einer öffentlichen Verurteilung des nationalsozialistischen Deutschlands im Jahr 1936 wurden ihm die deutsche Staatsbürgerschaft und das Ehrendoktorat der Universität Bonn aberkannt. Seine Münchener Villa einschließlich des Inventars wurde wegen angeblicher »Steuerschuld« vom Staat beschlagnahmt. Neben politischem Unrecht musste Thomas Mann immer wieder schwere familiäre Schicksalsschläge ertragen. Beide Schwestern und der Sohn Klaus begingen Suizid.

Exil in den USA

Nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich wanderte er im Februar 1938 in die USA aus und nahm eine Gastprofessur an der Universität von Princeton an. Außerdem gab er ab 1937 die Exilzeitschrift »Maß und Wert« heraus. Er unterstützte Emigranten und wandte sich im Zweiten Weltkrieg über BBC-Radioansprachen an die Deutschen. Im Jahr 1941 übersiedelte die Familie nach Pacific Palisades (Kalifornien). Drei Jahre später wurde dem Schriftsteller die US-Staatsbürgerschaft verliehen.
Eine Rückkehr nach Deutschland schloss er nach dem Ende des Krieges aus, da er von einer kollektiven Schuld der Deutschen ausging und eine lange Zeit der Sühne für notwendig erachtete. Nur besuchsweise kehrte er 1949 in sein Heimatland und an seinen früheren Wohnsitz München zurück.
Als sich in der beginnenden McCarthy-Ära Angriffe wegen seiner angeblichen Sympathien für den Sowjetkommunismus mehrten, beschloss er, nach Europa zu gehen. Im Juni 1952 verließ die Familie Mann die USA und siedelte sich wieder im Raum Zürich an. Von dort unternahm er mehrere Reisen in die Bundesrepublik und in die DDR. Am 12. August 1955 starb Thomas Mann im Alter von 80 Jahren in Zürich.

Ehrungen und Auszeichnungen

Er liegt auf dem Friedhof Kilchberg am Zürichsee begraben. Neben dem Nobelpreis erhielt er zahlreiche weitere Ehrungen und Auszeichnungen: Ehrendoktorwürde der Universität Bonn (1919, aberkannt 1936, Wiederverleihung 1947), Ehrendoktorwürde der Columbia University, New York (1938), Aufnahme in die American Academy of Arts (1949), Ehrendoktorwürden der Universitäten Oxford und Lund (1949), Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main (1949), Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge (1953), Ehrendoktorwürde der Friedrich Schiller-Universität Jena (1955), Ehrenbürgerschaft der Stadt Lübeck (1955), Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Kunst (1955), Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Akademie der Künste (1955).
Im Jahr 1975 stiftete die Hansestadt Lübeck zum 100. Geburtstag von Thomas Mann einen Literaturpreis. Als dessen Nachfolgepreis lobten die Hansestadt Lübeck und die Bayerische Akademie der Schönen Künste einen Thomas-Mann-Preis aus, der 2010 das erste Mal verliehen wurde.
Die Technische Universität München ehrte ihren einstigen Hörer im März 2013 mit dem interdisziplinären Symposion »Thomas Mann in München – ein schwieriger Weg in die Moderne«.

 

1. Zit. nach Peter J. Brenner (Hg.): Thomas Mann in München – Ein schwieriger Weg in die Moderne. Symposium an der Technischen Universität München, Thalhofen 2013, S. 35.

2. Zit. nach Wolfgang A. Herrmann: Vorwort, in: Brenner (wie Anm. 1), S. 7.

3. Zit. nach Brenner (wie Anm. 1), S. 104.

4. Thomas Mann: Der Tod in Venedig. In: Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen, Frankfurt a. M. 1963, S. 360.

5. Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. Berlin, erste Neuauflage 1920, S. XXXIII.

6. Zit. nach Holger Pils: Aufrufe zum Widerstand? Thomas Mann um 1930, in: Erich-Mühsam-Gesellschaft (Hg.): Sich fügen heißt lügen? Leben zwischen Gewalt und Widerstand (= Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Heft 36), Lübeck 2011, S. 91.

 

Foto: Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R15883 / Fotograf: Unbekannt / Lizenz CC-BY-SA 3.0