Der Motorpionier

Internationalität war Rudolf Diesel in die Wiege gelegt: Am 18. März 1858 wurde er in Paris geboren. Sein Vater Theodor betrieb dort eine Lederwarenmanufaktur, seine Mutter Elise hatte sich als Sprachenlehrerin und Gesellschafterin betätigt. Wegen hervorragender Leistungen in der Grundschule wurde er bereits im Alter von zwölf Jahren 1870 von der Société pour l’instruction élémentaire mit einer Bronzemedaille ausgezeichnet.

Nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs wurde die Familie ausgewiesen und ging nach London. Rudolf wurde zu Verwandten in der väterlichen Heimat Augsburg geschickt und besuchte dort zunächst die Königliche Kreisgewerbeschule, an der sein Onkel Mathematik unterrichtete, danach die Industrieschule. Beide Lehranstalten absolvierte er als Bester seines Jahrgangs. Bereits der Besuch der Pariser Weltausstellung im Jahr 1867 und des Londoner Science Museum im Jahr 1870 hatten seine Begeisterung für die Technik geweckt. Bald darauf kündigte er seinen Eltern an, Ingenieur werden zu wollen.

Herausragender Erfolg im Studium

Von 1875–80 studierte Rudolf Diesel mit einem Stipendium Maschineningenieurwesen an der Technischen Hochschule München und schloss mit dem besten Ergebnis seit Bestehen der Hochschule ab. Hierfür wurde er mit dem Diplom ausgezeichnet, das damals eine nur äußerst selten vergebene Auszeichnung für herausragende Leistungen war.

Die Geselligkeit hatte Diesel nicht vernachlässigt: Er war im »Skizzenverein der mechanisch-technischen Abteilung des Königlichen Polytechnikums zu München« aktiv, dem späteren Akademischen Maschinen-Ingenieur-Verein (AMIV). Die Studentenverbindung verlieh ihrem berühmt gewordenen Mitglied später die Ehrenmitgliedschaft.

Erste Erfahrungen in der Schweiz und Frankreich

Erste berufliche Erfahrungen sammelte Diesel bei der Maschinenfabrik der Gebrüder Sulzer in Winterthur. Später unterstützte er in Paris den Aufbau einer Eisfabrik der Gesellschaft für Linde’s Eismaschinen Aktiengesellschaft, die sein aus der Hochschule ausgeschiedener Professor Carl Linde gegründet hatte. In nur einem Jahr stieg er zum Direktor der Gesellschaft in Frankreich auf. Für ein Verfahren zur Herstellung von Klareis in Flaschen erhielt Rudolf Diesel ein deutsches und ein französisches Patent zuerkannt.

 „Liebste Eltern, mein sehnlichster Wunsch ist, Mechaniker zu werden.“1

Im November 1883 heiratete Rudolf Diesel Louise Martha Flasche, die Tochter eines Remscheider Notars. Aus der Ehe gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor. Anfang 1890 zog er mit seiner Familie nach Berlin und übernahm die Leitung des technischen Büros der Linde-Gesellschaft.

Reichspatent für eine neue Wärmekraftmaschine

Bereits während seines Studiums hatte Diesel versucht, den schlechten Wirkungsgrad der Dampfmaschine zu verbessern. Von seinem Lehrer Carl Linde hatte er erfahren, dass für einen guten Wirkungsgrad hohe Arbeitstemperaturen nötig waren. Dies wollte Diesel erreichen, indem er reine Luft auf 250 bar verdichtete. Um eine vorzeitige Zündung zu verhindern, spritzte er den Kraftstoff erst am Ende der Verdichtung ein. Kennzeichen des Dieselmotors war die Selbstentzündung. Mit Urkunde vom 23. Februar 1893 wurde das Deutsche Reichspatent Nr. 67 207 für »Arbeitsverfahren und Ausführungsart für Verbrennungskraftmaschinen« zuerkannt. Seine Wärmekraftmaschine beruhte auf der Theorie des idealen Kreisprozesses des französischen Ingenieurs Sadi Carnot. Für einen funktionierenden Motor musste das Verfahren allerdings noch mit dem Gleichdruck-Prozess modifiziert werden.

Hierfür erhielt Diesel am 29. November 1893 ein zweites Patent. Diesels Arbeitgeber Linde wollte die Entwicklung nicht fördern und legte ihm nahe, aus der Firma auszuscheiden. Mit seinem 1893 erschienenen Buch »Theorie und Konstruktion eines rationellen Wärmemotors zum Ersatz der Dampfmaschinen und der heute bekannten Verbrennungsmotoren« fand Diesel die Aufmerksamkeit des Direktors der Maschinenfabrik Augsburg, Heinrich von Buz. Dieser war bereit, Kapital, Werkstätten, Maschinen und Mechaniker bereitzustellen, und die Friedrich Krupp AG beteiligte sich finanziell. Am 25. April 1893 wurde der Konsortialvertrag zwischen Diesel und Krupp zur gemeinwirtschaftlichen Verwertung des Patents unterzeichnet. Wenige Monate später, am 10. August 1893, lief erstmals der zweieinhalb Meter hohe, 10 PS starke Versuchsmotor, der aber noch nicht das gewünschte Ergebnis erbrachte.

THM-Professor Schröter propagiert den Dieselmotor

Es sollte noch Jahre dauern, bis ein verbesserter Motor den in ihn gesetzten Erwartungen entsprach. Der drei Meter hohe, 20 PS starke und 4,5 Tonnen schwere Motor war wassergekühlt und wurde mit Lampenpetroleum betrieben. Der Abnahmeprobelauf erfolgte am 17. Februar 1897 unter Leitung von Professor Moritz Schröter vom Laboratorium für Maschinenlehre der Technischen Hochschule München. Der gemessene Wirkungsgrad von 26,2 Prozent war dreimal so hoch wie bei einer Dampfmaschine, der Kraftstoffverbrauch besonders niedrig. Im Unterschied zum benzinbetriebenen Ottomotor benötigte der mit kostengünstigem Leichtöl laufende Dieselmotor weder Zündanlage noch Vergaser.

Professor Schröter propagierte den neuen Motor zusammen mit Diesel und Buz am 16. Juni 1897 auf der Hauptversammlung des Vereins Deutscher Ingenieure in Kassel. Er bezeichnete ihn als »Triumph der Theorie« und versuchte damit, im Streit zwischen Theoretikern und Praktikern eine Lanze zugunsten der Theoretiker zu brechen.

Grand Prix für den Dieselmotor

Ende 1898 hielten neben der Vereinigten Maschinenfabrik Augsburg und Maschinenbaugesellschaft Nürnberg A.-G. (spätere M.A.N. A.-G.) sechs weitere deutsche und zwölf ausländische Firmen Lizenzen von Diesel. Im Jahr 1900 wurde der Dieselmotor auf der Weltausstellung in Paris mit dem »Grand Prix« ausgezeichnet. Drei Jahre später wurde das erste Schiff mit einem Dieselmotor versehen. Ein Meilenstein war 1905 die Inbetriebnahme des ersten Dieselkraftwerks der Welt, angelegt von der Vereinigten Maschinenfabrik Augsburg und Maschinenbaugesellschaft Nürnberg A.-G. zur Stromerzeugung für die städtischen Straßenbahnen in Kiew.

Wie fortschrittlich Rudolf Diesel dachte, zeigt die Tatsache, dass er bereits mit Pflanzenölen als alternativem Kraftstoff experimentierte. Hiervon versprach er sich auch einen Aufschwung der Landwirtschaft. Versuche mit Erdnussöl in einem Dieselmotor verliefen zufriedenstellend. Aufgrund des geringen Preises von Mineralölen gab es hierfür aber noch keinen hinreichenden Bedarf. Heute werden zunehmend Biotreibstoffe wie Rapsöl und Biodiesel zum Antrieb seines Motors eingesetzt.

Zu Lebzeiten des Erfinders hatte der Dieselmotor freilich noch mit manchen Kinderkrankheiten zu kämpfen. Auch musste er wegen der hohen Kompression noch besonders massiv gebaut werden. Erste Anwendungen für Lastkraftwagen und Lokomotiven führten noch nicht zu allgemeiner Verbreitung. Erst nach dem Ersten Weltkrieg gelang es, kleinere Dieselmotoren herzustellen. Die Reiheneinspritzpumpe verbesserte wesentlich die Selbstzündung. Ein Durchbruch waren die erste serienmäßige Ausstattung von Lastwagen mit einem direkteinspritzenden Dieselmotor im Jahr 1924 und der erste in Serie produzierte Diesel-Personenwagen (Mercedes Benz 260 D) im Jahr 1936.

Persönliche Probleme

So begabt Diesel als Ingenieur war: Ein guter Geschäftsmann war er nicht. Fehlspekulationen, Patentstreitigkeiten und berufliche Überlastung ruinierten zunehmend seine Gesundheit. Im Herbst 1898 erlitt er einen ersten Nervenzusammenbruch, wiederholt unterzog er sich Heil- und Kuraufenthalten. Seine Augsburger Dieselmotorenfabrik musste 1911 schließen, und ein großer Teil seines Vermögens war verloren. In Privatbriefen klagte er über Depressionen.

Am 29. September 1913 bestieg Rudolf Diesel in Antwerpen ein Fährschiff, um den Ärmelkanal zu überqueren. In London stand eine Sitzung der Consolidated Diesel Manufacturing Ltd. an, in Ipswich sollte ein Dieselmotorenwerk einer belgischen Firma eröffnet werden. Nach dem Abendessen wurde er nicht mehr gesehen, in die Kabine war er nicht zurückgekehrt. Elf Tage später entdeckten niederländische Lotsen die im Wasser treibende Leiche eines Mannes. Sie konnten sie wegen des hohen Seegangs nicht bergen, stellten aber einige Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände sicher, die Diesel gehörten. Ob er durch einen Unfall, durch Suizid oder gar durch einen Mordanschlag von Konkurrenten ums Leben kam, ist bis heute offen und wird wahrscheinlich nicht mehr geklärt werden.

Fürsprecher eines Alumninetzwerks

Bekannt wurde Diesel als Erfinderingenieur. Doch arbeitete er auch tatkräftig an einer Lösung der sozialen Frage. Im Jahr 1903 entwarf er in seinem Buch »Solidarismus: Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen« das Konzept einer genossenschaftlichen Wirtschaft mit von den Arbeitern eigenverantwortlich finanzierten, produzierten und verteilten Gütern. Sein sozialpolitisches Engagement war ihm wichtiger als seine technischen Erfindungen: »Daß ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, daß ich die soziale Frage gelöst habe.«2

Zu seiner Hochschule hielt Diesel stets Kontakt. Im Jahr 1881 forderte er die Studenten des Maschineningenieurwesens auf, nicht die bequeme Karriere im Staatsdienst anzustreben, sondern interessante Ingenieursaufgaben in der Privatwirtschaft zu suchen. Auch in der Betriebsleitung von Fabriken, Bauunternehmen, Bergwerksbetrieben oder Elektrizitätsgesellschaften könnten sie sich verwirklichen. Er regte auch an, Absolventennetzwerke zu bilden, und war damit seiner Zeit um viele Jahrzehnte voraus.

Nach seinem frühen Tod erhielt Rudolf Diesel zahlreiche posthume Ehrungen. So steht seine Büste in der Ruhmeshalle in München. Das Deutsche Institut für Erfindungswesen verleiht seit 1953 die Dieselmedaille – Deutschlands ältesten Innovationspreis. Im Jahr 1999 wurde der Asteroid Nr. 10093 nach Diesel benannt. Seine Alma Mater rief 2009 an ihrem TUM Institute for Advanced Study ein »Rudolf Diesel Industry Fellowship« für herausragende Gastwissenschaftler aus der Industrie ins Leben.

 

1. Aus einem Brief des 14-jährigen Rudolf Diesel an seine Eltern. Zit. nach Irene Meichsner: Erfindergeist und Denker. Vor 150 Jahren wurde der Ingenieur Rudolf Diesel geboren. Deutschlandfunk, 18.3.2008.

2. Zit. nach Diesel, Eugen: Diesel. Der Mensch, das Werk, das Schicksal, Hamburg 1937, S. 395.