Betriebswirt und Unternehmer

Der geschäftstüchtige Kaufmann Josef Rodenstock (1846–1932) gründete 1877 in Würzburg ein »Optisches Institut G. Rodenstock«. 1883 wurde der Firmensitz nach München verlegt. Produziert wurden in den feinmechanischen Werkstätten Barometer, Brillengläser und Messinstrumente, später auch Kameraobjektive, Fernrohre und medizinische Untersuchungsgeräte. Mit seinen innovativen technischen Entwicklungen machte sich das Unternehmen bald einen Namen. Im Jahr 1933 übernahm der Sohn Alexander (1883–1953) die alleinige Geschäftsleitung.

Enkel Rolf wurde am 1. Juli 1917 in München geboren. Er besuchte das katholische Elitegymnasium Kloster Ettal und erwarb 1937 die Hochschulreife am Neuen Realgymnasium in München. Danach leistete er Arbeits- und Kriegsdienst und wurde in Russland verwundet.

Promotion an der TH München

Ab 1940 wurde er immer wieder vorübergehend zum Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule München freigestellt und bestand 1943 die Diplomprüfung. Bereits ein Jahr später wurde er bei Karl Rössle zum Dr. rer. pol. promoviert.

Die NS-Zeit war für die Familie Rodenstock nicht einfach. Einerseits war der Vater Alexander zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt worden und produzierte Fernrohre, Feldstecher und sonstige optische Geräte für die Wehrmacht. Andererseits stand die Familie unter massivem Druck, da die Mutter Franziska Rodenstock geb. Fries Eltern jüdischer Herkunft hatte. Die Familie konnte mit einigen Winkelzügen erreichen, dass sie nicht als »Volljüdin«, sondern nur als »Halbjüdin« eingestuft und dadurch bis Kriegsende vor Verfolgung bewahrt wurde. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der junge Rolf Rodenstock einige Wochen lang von der Gestapo inhaftiert, weil er einem in die Verschwörung involvierten Kriegskameraden bei der Flucht in die Schweiz geholfen hatte.

Eintritt in das Familienunternehmen

Im selben Jahr 1944 trat er als Leiter der betriebswirtschaftlichen Abteilung in das Familienunternehmen ein. Von 1945 bis 1947 leitete er in Vertretung seines von der US-Militärregierung suspendierten Vaters bis zu dessen Rehabilitierung den Betrieb. Die Zukunft des Familienunternehmens schien ihm zu dieser Zeit nicht gesichert. Rolf Rodenstock bemühte sich daher auch um eine wissenschaftliche Karriere. Die Technische Hochschule München hatte ihre betriebswirtschaftlichen Lehrstühle 1946 an die Ludwig-Maximilians-Universität München abgeben müssen, weshalb sich auch Rolf Rodenstock dorthin orientieren musste.

Apl. Professor an der LMU

Im Jahr 1946 erhielt er an der LMU einen Lehrauftrag und wurde ein Jahr später zum Thema »Die Genauigkeit der Kostenrechnung industrieller Betriebe« habilitiert. 1956 wurde er zum apl. Professor für Betriebswirtschaftslehre ernannt und lehrte neben seiner unternehmerischen Tätigkeit Betriebsorganisation, industrielles Rechnungswesen und technisch-wirtschaftliche Rationalisierung. Er heiratete 1945 Charlotte Manns, die Tochter eines Diplomingenieurs. Die Kinder sind der Sohn Randolf sowie die Töchter Alexandra und Eva-Beatrice. 1969 nahm Rolf Rodenstock in zweiter Ehe Inge Haux zur Frau. Aus dieser Ehe ging der Sohn Benedict hervor.

Internationalisierung der Firma Rodenstock

Nach dem Tod seines Vaters 1953 wurde Rolf Rodenstock Leiter und persönlicher Gesellschafter des Familienunternehmens. Er erschloss neue Produkte wie Brillenfassungen und trieb die Internationalisierung des Unternehmens voran. Im Jahr 1948 war er von der chilenischen Regierung eingeladen worden, um die Voraussetzungen für den Aufbau einer optischen Industrie zu prüfen. Er reiste auch nach Argentinien und Brasilien und gründete 1951 eine erste ausländische Produktionsstätte in Chile.

Verantwortung zu übernehmen ist eine Bürgerpflicht.1

Moderne industrielle Planungs- und Fertigungsmethoden wurden eingeführt und Tochter-gesellschaften gegründet. Technisch waren die Produkte von Rodenstock stets führend. So brachte das Unternehmen 1968 die ersten selbsttönenden Brillengläser Europas auf den Markt, ab 1975 produzierte Rodenstock als erstes deutsches Unternehmen Brillengläser aus Kunststoff. Bereits 1980 wurden Gleitsichtgläser vorgestellt. Zu dieser Zeit war das mittelständische Unternehmen zu einem global tätigen Konzern mit an die 7000 Mitarbeitern weltweit und einem Umsatz von 700 Millionen DM aufgestiegen.

Übernahme zahlreicher Leitungsaufgaben in Verbänden

Rolf Rodenstock erwarb sich große Verdienste bei der Wiedergründung von Industrieverbänden und stellte sich als Amtsträger zur Verfügung. 1947 war er Mitgründer des Fachverbands Feinmechanik und Optik in Bayern. Von 1948 bis 1964 leitete er den Verband der Deutschen Feinmechanischen Industrie, von 1955 bis 1977 den Landesverbands der Bayerischen Industrie, von 1966 bis 1978 das Deutsche Industrie-Institut (spätere Bezeichnung: Institut der Deutschen Wirtschaft) in Köln, von 1971 bis 1990 die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern.

Er war geschätzt aufgrund seiner sachlichen Art, seines wissenschaftlichen Hintergrunds und seines Sinns für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit. Seine Verbandstätigkeit wurde 1978 durch die Übernahme der Präsidentschaft des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) gekrönt. Er übte das einflussreiche Amt bis 1984 aus.

Übergabe der Firmenleitung an seinen Sohn

Ab 1983 leitete er das Familienunternehmen gemeinsam mit seinem Sohn Randolf, den er gezielt zu seinem Nachfolger erzog. 1990 überließ er ihm die alleinige Leitung. Rolf Rodenstock veröffentlichte die Bücher »Möglichkeiten und Grenzen unternehmerischer Tätigkeit« (1973), »Macht und Verantwortung der Verbände in der Demokratie« (1976) und Standortbestimmungen eines Unternehmers« (1977).

Orden und Ehrungen

Zu seinen Auszeichnungen zählen der Bayerische Verdienstorden (1958), der Ritterorden der französischen Ehrenlegion (1977), das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband (1977), die Ehrenbürgerschaft der Stadt Regen (1977), die Goldene Ehrenmünze der Landeshauptstadt München (1982), die Goldmedaille für »Distinguished Leadership and Service for Humanity« des Ordens B’nai B’rith (1984), die Bayerische Verfassungsmedaille in Gold (1986), die Ehrenpräsidentschaft der IHK für München und Oberbayern (1990), das Große Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich (1991) und die Ehrenmitgliedschaft des BDI-Präsidiums (1992). Auch war er Mitgründer der Europäischen Industriellen Vereinigung Feinmechanik und Optik.

Im Münchener Gesellschaftsleben war er eine bekannte Persönlichkeit. Rolf Rodenstock starb am 6. Februar 1997 in München. Als allein verantwortlicher Unternehmer, Amtsträger in zahlreichenden Verbänden und Hochschulprofessor hat er ein immenses Arbeitspensum bewältigt und war doch stets im Familienunternehmen präsent.
 

1. Zit. nach Gestorben. Rolf Rodenstock. Der Spiegel 8/1997.