Pionier des deutschen Informatikstudiums

Robert Piloty wurde am 6. Juni 1924 als Sohn von Hans Piloty und Maria Defregger geboren. Die Familien beider Eltern hatten einen künstlerischen Hintergrund: Ein Urgroßvater väterlicherseits war der bekannte Münchener Historienmaler Carl Theodor von Piloty (1826–1886), ein Urgroßvater mütterlicherseits der Landschaftsmaler Franz von Defregger (1835–1921). Robert Piloty wuchs in Berlin auf. Dort arbeitete sein Vater ab 1925 als Oberingenieur bei der AEG in der Abteilung Kraftwerke.

Vom Wintersemester 1942/43 bis zum Sommersemester 1947 studierte Robert Piloty  Maschineningenieurwesen mit Studienrichtung Elektrotechnik an der Technischen Hochschule München, wo sein Vater Robert seit 1931 den Lehrstuhl für Elektrische Messtechnik vertrat. Sein Diplom wurde ihm mit Auszeichnung verliehen. Damit bewarb er sich erfolgreich zur Teilnahme an einer dreimonatigen Summer School 1948 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, wo er als einziger Deutscher zugelassen wurde.

Am MIT konnte Piloty die Entwicklung des von der US-Kriegsmarine beauftragten Großrechners »Whirlwind« studieren. Blitzartig kam ihm ein Gedanke, der ihn nicht mehr losließ: »Das ist eine neue Richtung, die musst du weiterverfolgen.« Er kam mit der Idee zurück, auch an der TH München eine elektronische Rechenanlage zu bauen, und besorgte sich Unterlagen aus den USA, darunter den richtungsweisenden Bericht John von Neumanns aus dem Jahr 1945. Am Institut seines Vaters konnte er erste Versuchsschaltungen aufbauen.

Mitinitiator der Rechenanlage PERM

Im Herbst 1949 war die Finanzierung des Projekts von Seiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft gesichert. Unter der Gesamtleitung seines Vaters Hans Piloty und Robert Sauers (Ordinarius für Mathematik) wurde die Programmgesteuerte Elektronische Rechenanlage München (PERM) entwickelt. Das Projekt schuf die notwendige Hard- und Softwarebasis für viele weitere Forschungsarbeiten auf dem damals erst entstehenden Gebiet der Informatik.

Im März 1949 mit einer Dissertation zur Mikrowellentechnik zum Dr.-Ing. promoviert, leitete Robert Piloty als Wissenschaftlicher Assistent die Hardware-orientierte Arbeitsgruppe. Nach seiner Habilitation und Ernennung zum Privatdozenten im Januar 1952 hielt er Vorlesungen über Rechnertechnik an der TH München.
Die PERM wurde 1956 fertiggestellt und bis März 1974 im Rechenzentrum der TH München bzw. der TUM für Forschung und Ausbildung benutzt. 17 Jahre diente sie außerdem dem Leibniz-Rechenzentrum München als Zentralrechner. Wichtige Elemente der PERM waren der Magnetkernspeicher und der Festwertspeicher sowie der modulare Aufbau aus Einschüben und Steckeinheiten. Die Logik war röhrenbasiert mit über 2400 Röhren. Sowohl Gleitkomma- als auch Festkomma-Zahlendarstellung waren möglich. Die automatische Rechenmaschine ermöglichte eine indirekte und relative Adressierung. Der interne Speicher konnte 10 240 Worte bewältigen. Heute kann der seinerzeit schnellste Rechner der Welt im Deutschen Museum München besichtigt werden.

Professor in München und Darmstadt

Im Jahr 1955 ging Robert Piloty als stellvertretender Leiter des IBM-Forschungslabors nach Zürich. Zwei Jahre später wechselte er zu Standard Lorenz Elektrik (SEL) nach Stuttgart und übernahm die Leitung der Systemplanung. Zusammen mit Karl Steinbuch entwickelte er einen Rechner für das Versandhaus Quelle zur beschleunigten Abwicklung von Bestellungen. Auf der Grundlage dieser Arbeiten entstand auch das erste rechnergestützte Flugbuchungssystem, das das Scandinavian Airlines System (SAS) beauftragt hatte.

Im Jahr 1961 wurde Piloty außerplanmäßiger Professor an der TH München und folgte 1964 einem Ruf der Technischen Hochschule Darmstadt auf den Lehrstuhl für  Nachrichtenverarbeitung der Fakultät für Elektrotechnik und gründete dort das gleichnamige Institut.

»Das ist eine neue Richtung, die musst du weiterverfolgen.«1

Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeit waren die Mikrowellentechnik, der rechnergestützte Schaltungsentwurf, Entwurfsdatenbanken und Hardwarebeschreibungssprachen. Robert Piloty leitete die internationale Arbeitsgruppe Consensus Language (CONLAN), die einen Bezugsrahmen für die Definition von standardisierten Hardwarebeschreibungssprachen mit präziser Semantik entwickelte. Damit konnten Rechnerentwürfe simuliert werden. Zuvor hatten Ingenieure Prototypen erbaut und dann auftretende Fehler ausgemerzt.

Vorkämpfer für ein Informatik-Studium

Als Vorsitzender eines Ausschusses des Bundesministers für wissenschaftliche Forschung empfahl er im Januar 1968, die Einrichtung eines Studiengangs Informatik an ausgesuchten Hochschulen zu fördern. Den Anstoß hierzu gaben Probleme der Volkswagen AG mit ihren Programmen. Dies brachte Piloty auf die Idee, eine systematische akademische Programmierausbildung zu etablieren. Er war Mitinitiator des vom Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) geförderten »Überregionalen Forschungsprogramms Informatik« (1970–79), das zahlreiche neue Stellen schuf, und leitete den Sachverständigenkreis.

Die von ihm mitverfassten »Empfehlungen zur Ausbildung auf dem Gebiet der Datenverarbeitung« dienten als Arbeitsgrundlage. Unter Pilotys Leitung kooperierte das Gremium eng mit Industrievertretern. An der TH Darmstadt leitete er die 1968 eingesetzte Senatskommission zur Einrichtung des Studiengangs Informatik. Zunächst diskutierte man darüber, ob man das neue Fach bei der Mathematik oder der Elektrotechnik ansiedeln solle. Piloty favorisierte die Gründung einer eigenständigen Fakultät und unternahm zusammen mit seinem Kollegen Hartmut Wedekind im Frühjahr 1969 eine mehrwöchige Reise in die USA, um die Realisierungsmöglichkeiten zu studieren.

Später amtierte er als Mitglied des Gründungsausschusses für den 1972 errichteten Fachbereich für Informatik. Seine Bemühungen waren nicht frei von Reibungen, musste er sich als konservativer Ordinarius doch mit den gerade in Hessen sehr progressiven Forderungen von Studenten zur Hochschul- und Studienreform auseinandersetzen.

Projekte, Mitgliedschaften und Auszeichnungen

Im Jahr 1983 initiierte Piloty das Projekt Entwicklung Integrierter Schaltung (E. I. S.). Ziel des vom BMFT über sechs Jahre geförderten Projekts war es, dieses wichtige Thema in die Lehre einzubringen. Informatik- und Elektrotechnikstudenten konnten eigene Entwürfe mit sehr hohem Integrationsgrad anfertigen und diese produzieren lassen.

Als 1969 die Gesellschaft für Informatik e. V. (GI) gegründet wurde, war Robert Piloty Gründungsmitglied. Als Mitglied der Generalversammlung sowie später als Vizepräsident der International Federation for Information Processing (IFIP) vertrat er die deutsche Informatik auch international.

Zu seinen Veröffentlichungen zählen das Standardwerk »Grundlagen elektronischer Digitalschaltungen« (21981; zusammen mit Wolfgang Hilberg), der CONLAN-Report (1982; zusammen mit weiteren Verfassern) und das Buch »Das Erfolgsgeheimnis des Internet« (2002).

Robert Piloty erhielt namhafte Auszeichnungen: vom IFIP Silver Core (1980) über das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1985), die Konrad-Zuse-Medaille (1989), die Erasmus-Kittler-Medaille der TU Darmstadt (1991), das Fellowship des Institute of Electrical and Electronics Engineers/IEEE (1997), die Alwin-Walther-Medaille der TU Darmstadt (2000) bis zur Carl-Friedrich-Gauß-Medaille der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft (2001). Im Jahr 1993 wurde er Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. 2004 wurde das renovierte Informatikgebäude der TU Darmstadt nach ihm benannt.

Robert Piloty war verheiratet und hatte zwei Kinder. Im Jahr 1990 wurde er emeritiert. Am 21. Januar 2013 starb er im Alter von 88 Jahren in Darmstadt.

 

1. Zit. nach Robert Piloty. Interview mit dem Initiator der Informatik an der TUD, in: Anika Schröter: Große Namen in Darmstadt, Frankfurt a. M. 2011, S. 142.