Bauingenieur, Wasserkraftpionier und Gründer des Deutschen Museums

Oskar von Miller wurde am 7. Mai 1855 in München geboren. Sein Vater Ferdinand Miller war Erzgießer und Erster Inspektor der Königlichen Erzgießerei in München. Die von ihm gegossene Bavaria auf der Münchener Theresienwiese wurde zu seinem bekanntesten Werk. Die Mutter war Anna Pösl, Tochter des Landshuter Regierungskanzlers. Mit der Erhebung seines Vaters in den erblichen Adelsstand im Jahr 1877 durfte auch Oskar das Prädikat »von« führen.

Schüler von Karl Max von Bauernfeind

Nach dem Besuch des humanistischen Maximilians-Gymnasiums und des Realgymnasiums in München-Schwabing (heute Oskar-von-Miller-Gymnasium) studierte er von 1874 bis 1878 Bauingenieurwesen an der Polytechnischen Schule München, wo sein älterer Bruder Wilhelm als Assistent am Chemischen Laboratorium arbeitete (später brachte er es zum Chemieprofessor an der Hochschule). Oskar von Millers wichtigste Lehrer waren Karl Max von Bauernfeind, Wilhelm Frauenholz, Gottfried Asimont, Ferdinand Loewe und Ernst Fischer. Der Schwerpunkt des Studiums lag auf dem Brücken- und Eisenbahnbau.

Er profitierte von Fachexkursionen zu diversen Eisenbahnlinien. Zu Millers Kommilitonen gehörte der drei Jahre jüngere Rudolf Diesel, der Maschineningenieurwesen studierte. Die Freundschaft hielt ein Leben lang. Beide Ingenieure und Unternehmer unterstützten sich gegenseitig und unternahmen in ihrer Freizeit gemeinsame Reisen und Fahrradtouren.

Im August 1878 bestand Oskar von Miller die Fachprüfung für Bauingenieure und war damit zum Eintritt in den Staatsbaudienst berechtigt. Als Baupraktikant durfte er einige Projektierungsarbeiten durchführen. Der Entwurf für eine Brücke von Kreuzwertheim nach Wertheim brachte ihm eine Auszeichnung ein.

Demonstration der Gleich-und Drehstromübertragung

Auf Kosten des bayerischen Staats besuchte er 1881 die erste Internationale Elektrotechnische Ausstellung in Paris und initiierte ein Jahr später in München eine Folgeausstellung, auf der er erfolgreich die Übertragung von Gleichstrom über eine Länge von 57 Kilometern (Miesbach – München) demonstrierte. Das Präsidium übernahm der Physikprofessor der Technischen Hochschule München Wilhelm von Beetz, bei dem Miller wahrscheinlich Vorlesungen gehört hatte. Miller gab nun seine Beamtenkarriere auf und leitete von 1883 bis 1889 zusammen mit Emil Rathenau die Deutsche Edison-Gesellschaft in Berlin, die spätere Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG). 1884 baute er in Berlin an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden die erste elektrische Zentralstation in Deutschland.

Im Jahr 1891 initiierte Miller eine weitere Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main. Hier führte er die wirtschaftlich besonders interessante Drehstromübertragung (Lauffen am Neckar – Frankfurt am Main, Streckenlänge mehr als 175 km) durch. Im Jahr 1884 heiratete Oskar von Miller Marie von Seitz, die Tochter eines Medizinprofessors der Ludwig-Maximilians-Universität München. Aus der Ehe gingen drei Söhne und vier Töchter hervor.

Erschließung der Wasserkraft in Bayern

Im Jahr 1890 gründete Miller ein bis heute bestehendes Ingenieurbüro und regte die systematische Erschließung der Wasserkraft in Bayern an. 1911 wurden seine Vorschläge endlich von der bayerischen Regierung aufgegriffen. Millers Ziel war ein flächendeckendes, reichsweites Netzwerk billiger Stromversorgung, das nicht nur der Industrie, sondern auch dem Handwerk und Kleingewerbe sowie dem privaten Nutzer zugutekommen sollte.

Zu den von seinem Büro ausgeführten Projekten zählten die Etschwerke (1897/98), die Brennerwerke (1898/99), die Pfalzwerke (1910–12) und das Walchenseekraftwerk (1918–24) – beim Bau des damals weltweit größten Speicherkraftwerkes war Oskar von Miller Projektleiter. Millers Ingenieurbüro war auch an der Projektierung und Errichtung der ersten elektrischen Vollbahn im Deutschen Reich von Meckenbeuren nach Tettnang (1895) beteiligt.

Anhänger gemischtwirtschaftlicher Organisationsformen

Aufgrund seiner sozialpolitischen Vorstellungen propagierte der Unternehmer Miller bei dem von ihm initiierten Bayernwerk und Walchenseewerk eine gemischtwirtschaftliche Organisationsform. Dank seiner Initiative besaß Bayern Mitte der 1920er Jahre als erster deutscher Flächenstaat eine landesweite Stromversorgung, eine wichtige Grundlage für künftigen Wohlstand.

Von 1926–29 erarbeitete Miller im Auftrag der Reichsregierung ein Gutachten über eine einheitliche Reichselektrizitätsversorgung mittels eines Energieverbunds auf Länderebene. Bei der 1930 in Berlin veranstalteten II. Weltkraftkonferenz amtierte er als Ehrenpräsident. Im Jahr 1926 initiierte er das an die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft angegliederte Forschungsinstitut für Wasserbau und Wasserkraft am Walchensee. Heute gehört es als Forschungsinstitut für Wasserbau und Wasserkraft in Obernach zur Technischen Universität München.

Initiator des Deutschen Museums

Besondere Verdiente erwarb er sich als Initiator und erster Vorstandsvorsitzender des Deutschen Museums in München. Auf einer 1903 in München abgehaltenen Tagung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) stellte er sein Projekt eines nationalen Technikmuseums vor. Es sollte die politische, soziale und volkswirtschaftliche Bedeutung technischen Fortschritts dokumentieren. Mit der Musealisierung und Vergeschichtlichung der Technik ging eine Aufwertung des Berufsstands des Ingenieurs einher. Außerdem sollten im Volk Fortschrittsdenken und Technikbegeisterung geweckt werden.

„Möge auch in Bayern dieses neue Gebiet der Technik in jeder Weise unterstützt werden, damit das Volk die Vortheile genießen könne, welche die Anwendung des elektr. Stromes bietet“ 1

Dem gut vernetzten Oskar von Miller gelang es, den deutschen Kaiser Wilhelm II. und den bayerischen Prinzen und späteren König Ludwig als Protektoren zu gewinnen. Wissenschaftler und Unternehmer wie Max Planck, Hugo Junkers, Wilhelm Conrad Röntgen und Emil Rathenau stellten sich als Berater zur Verfügung, und Industriefirmen spendeten namhafte Beträge. Den dreiköpfigen Vorstand bildeten der Initiator und zwei bewährte Mitstreiter, der Mathematiker Walther von Dyck und der Kältetechniker Carl von Linde.

Von Anfang an war die Technische Hochschule München eng in das Projekt eingebunden. Bis heute ist es eine Ehre für Professoren der TUM, den Aufbau und die Weiterentwicklung von Abteilungen zu unterstützen.

1925 wird von Millers Traum Wirklichkeit

Im November 1906 erfolgte auf der Münchener Kohleninsel die Grundsteinlegung für den Museumsbau, gleichzeitig wurden provisorische Ausstellungsräume in der Maximilianstraße eröffnet. Auch neueste Richtungen der Technik wie die Röntgendiagnose und die Luftschifffahrt wurden gezeigt. Der Erste Weltkrieg und die Inflationsjahre warfen das Projekt noch einmal zurück, doch am 7. Mai 1925 – pünktlich zu Oskar von Millers 70. Geburtstag – war es endlich soweit: Der Neubau auf der nunmehrigen Museumsinsel wurde feierlich eröffnet.

Schnell entwickelte sich das Deutsche Museum mit seiner 40 000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche zu einer Besucherattraktion. Mit seinen funktionsfähigen Originalen und auf Knopfdruck ablaufenden Demonstrationen war es seiner Zeit weit voraus. In den Jahren 1928 bis 1932 wurde das Museum um einen Bibliotheksbau und bis 1935 um den sog. Kongress-Saal ergänzt.

Der Museumsgründer verstand es, seinen Willen durchzusetzen: »Hier darf jeder tun, was ich will«, lautete ein bis heute gern zitierter Ausspruch über ihn. Mit Charme und Hartnäckigkeit warb er beständig Spenden ein. Zu seiner Person gibt es zahlreiche Anekdoten. So war Miller zu seinem 70. Geburtstag nach Mexiko gereist, um dort Bauten und Bahnen zu studieren. In seinem Reisetagebuch notierte er, dass zwei Franzosen von Räubern entführt wurden. Es dauerte nicht lange, bis in Deutschland erzählt wurde, Miller sei in die Hände mexikanischer Räuber gefallen, doch schließlich unbehelligt geblieben: »Von Kollegen nehmen wir nichts!« 2.

Gegner der Nationalsozialisten

Mit der Münchener NSDAP hatte er sich schon Ende der 1920er Jahre überworfen, da er sich geweigert hatte, ein großes Bismarck-Denkmal auf dem Museumsgelände aufzustellen. Als nach der national sozialistischen Machtergreifung die Spannungen zunahmen, legte er im Mai 1933 mit Verweis auf gesundheitliche Gründe den Vorstandsvorsitz nieder, um sein Lebenswerk nicht zu gefährden. Er starb am 9. April 1934 an den Folgen eines Herzanfalls.

Neben seiner Ingenieurtätigkeit und seinem Museumsengagement übernahm er zahlreiche Ämter. Von 1912 bis 1914 war er Vorsitzender des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Der deutschen Friedensdelegation 1919 in Versailles stellte er sich als technischer Berater zur Verfügung. Von 1922 bis 1933 saß er im Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sowie von 1924 bis 1931 im Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahngesellschaft. Der Transeuropa-Union, einer neu gegründeten Vereinigung mitteleuropäischer Luftfahrtgesellschaften, diente er von 1923 bis 1925 als Aufsichtsratsvorsitzender.

Internationale Ehrungen

Zu seinen Auszeichnungen zählen die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule München (1903), die Ernennung zum Reichsrat der Krone Bayerns (1909), Ehrenmitgliedschaften der Akademie der Wissenschaften Stockholm (1925) und der Preußischen Akademie der Wissenschaften (1929), die Grashof-Denkmünze des Vereins Deutscher Ingenieure (1925), die Goldene Bürgermedaille der Landeshauptstadt München (1925), der Werner-von-Siemens-Ring (1927), die Ehrenbürgerschaft der Technischen Hochschule Wien (1928), die Ehrenbürgerwürde der Stadt München (1930), das Adlerschild des Deutschen Reiches (1930) und die Mitgliedschaft in der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (1932). Seine Büste wurde unweit derjenigen seines Vaters Ferdinand in der Ruhmeshalle auf der Münchener Theresienwiese aufgestellt. Zahlreiche Schulen tragen seinen Namen.

Seine Alma Mater, die Technische Universität München, gründete 2009 den »Oskar-von-Miller-Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation«. Im selben Jahr eröffnete die Bayerische Bauindustrie in unmittelbarer Nachbarschaft zur TUM das »Oskar von Miller Forum« als internationales Gästehaus und Begegnungszentrum für Studierende, Meisterinnen und Meister aus der Bauwirtschaft sowie Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler. Im Jahr 2010 wurde am Campus der TUM Garching der »Oskar-von-Miller-Turm« eingeweiht, ein stadtbildprägender meteorologischer Messturm.

Millers Stärke: die Projektplanung

Oskar von Miller zählte zu den einflussreichsten Persönlichkeiten im Bereich Technik und Kultur zwischen 1880 und 1930. Sein Biograf Wilhelm Füßl hebt als seine besondere Leistung die stringente und aufwändige Planung bei allen Projekten hervor. Stets habe er ein Gesamtsystem im Auge gehabt, z.B. bei der kontinuierlichen Planung eines nationalen Systems der Energieversorgung. Dabei habe er sich nicht nur von technischen, sondern auch von wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten leiten lassen.

 

1. Oskar von Miller, Bericht an die Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern über die Elektrotechnische Ausstellung 1881 in Paris, zit. nach Füßl 2005, S. 45. 

2. Zit. nach Welt und Wort 23 (1968), S. 190.