Waghalsige Versuchspilotin im Zweiten Weltkrieg

Melitta Klara Schiller wurde am 9. Januar 1903 in Krotoschin in der preußischen Provinz Posen geboren. Väterlicherseits hatte sie jüdische Großeltern, die aus Russland eingewandert waren und sich im Pelzhandel betätigten. Der Vater Michael Schiller war zum Luthertum konvertiert, dem auch die Mutter Margarethe geb. Eberstein angehörte, und er brachte es zum angesehenen Preußischen Baurat. Melitta wuchs zusammen mit vier Geschwistern in der großbürgerlichen Familie auf. Von 1909 bis 1917 besuchte sie an ihrem Geburtsort die städtische Höhere Mädchenschule, anschließend Mädchengymnasien in Posen (1917–19) und Hirschberg/Schlesien (1919–22).

Faszination Fliegen

Ursprünglich neigte sie der Kunst zu, doch ließ sie sich von den Erzählungen eines Onkels mütterlicherseits faszinieren, der mit dem EK I und EK II ausgezeichneter Flugbeobachter, Kommandeur eines Fliegerhorstes und Freikorpskämpfer war. 1921 absolvierte sie im schlesischen Riesengebirge einen ersten Alleinflug mit einem Segelflugzeug. Nach dem Erwerb der Hochschulreife entschloss sie sich 1922, nach München zu gehen und an der Ludwig-Maximilians-Universität Naturwissenschaften zu studieren. Bereits ein Jahr später wechselte sie an die Technische Hochschule München, schrieb sich zunächst für Chemie ein und wechselte bald zur Technischen Physik. Eifrig besuchte sie flugtechnische Vorlesungen, die hier Tradition hatten.

Das Studium ermöglichte sie sich mit Stipendien und Nachhilfestunden, da der Vater als Kriegsversehrter keine finanzielle Unterstützung leisten konnte. Schon damals zeigte sie Abenteuerlust: Sie lernte Motorradfahren und bestritt Rennen. Um ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern, trieb sie so viel Sport wie möglich und hungerte mit eiserner Disziplin. Bei ihren Kommilitonen hatte die eigenwillige Melitta Schiller wegen ihres scheuen Lächelns den Spitznamen »Mona Lisa«.

Förderung durch Professor Ludwig Föppl

Professor Ludwig Föppl, Professor für Technische Mechanik, förderte die begabte Studentin und begeisterte sie für das Gebiet der Aerodynamik. 1927 bestand sie die Diplomprüfung mit der Note »Gut«. Am Flugplatz Oberschleißheim bei München lernte sie den bekannten Weltkriegsflieger Ernst Udet kennen, der dort Flugzeuge baute und waghalsige Kunstflüge vorführte. Er wurde zu einem verlässlichen Unterstützer.

Ihre erste Stelle fand die Diplom-Ingenieurin im Jahr 1927 bei der Schiffsbau-Versuchsanstalt Hamburg. Innerhalb weniger Jahre bestand sie nicht nur die Seefahrerprüfung an der Seefahrtschule in Lübeck, sondern erwarb auch alle Flugführerscheine für Land- und Seeflugzeuge. Auf dem Weg dorthin hatte sie als Frau viele Widerstände überwinden müssen. Die überkommenen bürgerlichen Vorstellungen lehnte sie ab und verkörperte das moderne Frauenideal jener Jahre. Zwei Verlobungen ließ sie hinter sich, suchte die berufliche Selbstverwirklichung, trug »Bubikopf« und praktische Kleider und stählte ihren Körper durch Schwimmen und Segeln.

Anstellung bei der DVL

Im Jahr 1927 erhielt sie eine Anstellung bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt e. V. (DVL) in Berlin-Adlershof. Am Institut für Aerodynamik befasste sie sich mit Untersuchungen an Flügeln und der Wirkungsweise von Propellern. Hierfür unternahm sie auch eigene Flugversuche. Zunehmend berichteten nun Zeitungen über die erfolgreiche Wissenschaftlerin und mutige Versuchspilotin. Ihrem einstigen Lehrer Ludwig Föppl schrieb sie, dass sie ohne dessen »hochinteressante und anregende Sondervorlesungen, die ich viel eifriger besucht habe als alle Pflichtkollegs« 1, die gestellten Aufgaben bei der DVL nicht hätte übernehmen können. Zwischen 1935 und 1937 nahm Melitta Schiller an Blindfluglehrgängen der Deutschen Lufthansa teil. Im Oktober 1937 wurde sie als zweite deutsche Frau nach Hanna Reitsch, ihrer dauernden Rivalin, zum »Flugkapitän« ernannt.

Rüstungsforschung bei den Askania-Werken

Ab 1936 arbeitete sie bei den Askania-Werken in Berlin-Friedenau und befasste sich zunehmend mit Rüstungsforschung. Ein wichtiges Thema war die Entwicklung von Sturzkampfvisieren und anderen optischen Zieleinrichtungen für ein- und zweimotorige Sturzkampfbomber. Auch entwickelte sie Navigations- und Steuerungssysteme für die Flugboote Dornier Do 18 und Blohm & Voss Ha 139. Bei den Olympischen Spielen in Berlin im September 1936 führte sie mit einer Heinkel He 70 viel beachtete Kunstflüge vor. Im September 1938 entsandte sie das Nationalsozialistische Fliegerkorps zusammen mit Elly Beinhorn zu einem internationalen Flugtag in Chigwell (England).

Einheirat in die Stauffenberg-Familie

Im August 1937 heiratete sie in Berlin den Althistoriker Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, Bruder des Berufsoffiziers Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Kinder wollte sie nicht, da sie ihre Karriere als Versuchspilotin nicht aufgeben wollte. Es war eine erstaunliche Verbindung: die technik- und sportbegeisterte Diplom-Ingenieurin und der romantische Stefan-George-Jünger und Althistoriker. Doch auch zu einem kühnen jungen Kampfpiloten und Staffelkapitän fühlte sie sich während des Kriegs in Berlin hingezogen. Sein tödlicher Absturz im Januar 1944 nach einem Luftkampf erschütterte sie nachhaltig.

»11 Stürze, 14 Messflüge«
Notizkalendereintrag vom 28.6.19432

Als ihr Ehemann einen Lehrstuhl für Alte Geschichte in Würzburg bekommen sollte, kam heraus, dass sie gemäß den NS-Rassegesetzen »Jüdischer Mischling ersten Grades« war. Doch konnte sie 1941 erreichen, dass sie aufgrund ihrer Verdienste »Deutschblütigen« gleichgestellt wurde. Damit erhielt ihr Ehemann das Ordinariat, sie konnte weiterhin als Versuchspilotin für die Luftwaffe arbeiten, und auch ihr Vater lebte bis zu seinem Tod 1945 unbehelligt im Deutschen Reich.

Versuchspilotin im Krieg

Im Oktober 1939 wurde Melitta von Stauffenberg zum Dienst in der Luftwaffenerprobungsstelle Rechlin kommandiert. Dort befasste sie sich mit der Erprobung und Weiterentwicklung von Sturzflugvisieren. Mit Junkers-Sturzkampfflugzeugen der Baumuster Ju 87 und Ju 88 führte sie bis zum Jahr 1944 über 2200 Sturzflüge durch, die gefilmt und vermessen wurden.

Der nur Sekunden währende Sturz von 5000 auf 1000 Meter verlangte absolute technische Beherrschung und eine überdurchschnittliche körperliche Leistungsfähigkeit. Weitere Flugerprobungen dienten z. B. der Verbesserung des Bombenabwurfs, der Ermittlung des Flugzustands bei Ausfall eines Motors und der Erprobung von Bremsfallschirmen. Melitta von Stauffenberg wurde bis an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit belastet und erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche. Erholung suchte sie bei der Jagd und beim Segeln. Auch widmete sie sich dem Plastilieren und formte Köpfe, wofür sie beträchtliches Talent hatte.

Hohe Kriegsauszeichnungen

Im Februar 1942 wurde sie an die Technische Akademie der Luftwaffe in Berlin-Gatow kommandiert. Da sie mit ihren Versuchsflügen maßgeblich zu den deutschen Kriegsanstrengungen beitrug, wurde ihr im Januar 1943 aus der Hand des Reichsministers der Luftfahrt Hermann Göring das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen, das sie mit Stolz trug. Außerdem erhielt sie das Militärfliegerabzeichen in Gold mit Brillanten und Rubinen. Anfang 1944 schlug sie der Kommandeur der Luftkriegsakademie für das Eiserne Kreuz I. Klasse vor. Im Auftrag des Reichspropagandaministeriums hielt sie 1943 im neutralen Stockholm einen Vortrag über das Thema: »Eine Frau in der Flugerprobung«.

Leiterin einer Forschungsstelle

Ihre Industrietätigkeit bei den Askania-Werken beendete sie auf Wunsch des Reichsluftfahrtministers und erhielt in Gatow eine eigene Forschungsstelle, die »Versuchsstelle für Flugsondergerät e. V.«. Als deren Leiterin ab Mai 1944 verdiente sie drei Mal so viel wie ihr Mann als Geschichtsprofessor der Universität Würzburg. Eine Tätigkeit als Hochschullehrerin wurde ihr in Aussicht gestellt. Hierfür soll sie Ende 1943 eine Promotion abgeschlossen haben, wahrscheinlich an der Technischen Hochschule Berlin, und begann die Arbeit an einer Habilitationsschrift. Unter anderem unternahm ihre Dienststelle auf Betreiben des Jagdflieger-Asses Oberst Hans-Joachim Herrmann Versuche zur Verbesserung der Nachtlandeverfahren für Nachtjäger. Ihre kräftezehrenden Versuchsflüge, oft mehr als ein Dutzend pro Tag, wurden nun immer häufiger von Luftalarm unterbrochen.

Mehrmonatige „Sippenhaft“

Am 20. Juli 1944 versuchte ihr Schwager Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Adolf Hitler im Führerhauptquartier »Wolfsschanze« in Ostpreußen mit einer Bombe zu töten, um dadurch die nationalsozialistische Herrschaft zu beenden. Nach dem Scheitern des Umsturzplans wurden auch Alexander Schenk Graf von Stauffenberg und seine Frau am 25. Juli zusammen mit weiteren Familienmitgliedern in »Sippenhaft« genommen. Beweise für eine Mittäter- oder Mitwisserschaft von Melitta von Stauffenberg und ihrem Ehemann konnte der NS-Staat nicht finden. Als einziges inhaftiertes Mitglied der Stauffenberg-Familie wurde sie wegen ihrer »kriegswichtigen« Tätigkeit am 2. September freigelassen. Die restlichen Familienmitglieder kamen hingegen in ein Konzentrationslager, ihre Schwäger Berthold und Claus von Stauffenberg wurden hingerichtet.

Nach dem Krieg wurde wiederholt versucht, sie zur stillschweigenden Mitwisserin oder gar Beteiligten am 20. Juli 1944 zu stilisieren. Doch hält ihr jüngster Biograf Thomas Medicus von dieser These nichts. Melitta von Stauffenberg habe sich zwar nicht der NSDAP angeschlossen und anders als Hanna Reitsch nicht die Nähe von Hitler und anderen NS-Größen gesucht, doch sei sie stets loyal aufgetreten, mitunter habe sie sogar Durchhaltereden gehalten. Er verweist auf ihre Sozialisation in einer von nationalen und heroischen Werten geprägten Jugend. Zudem seien ihr die Erprobungsflüge zur alles beherrschenden Lebensdroge geworden. Schließlich habe sie mit ihrem konformen Verhalten auch mögliche Gefährdungen aufgrund ihrer Herkunft überdeckt.

Tödlicher Abschuss kurz vor Kriegsende

Sie unternahm weiterhin Testflüge, daneben besuchte sie so oft wie möglich ihren inhaftierten Mann und ihre inhaftierten Verwandten und kümmerte sich um deren Kinder. Im April 1945 wurde ihre Dienststelle von Berlin-Gatow nach Weimar verlegt. Am 8. April wurde Melitta von Stauffenberg auf einem Flug mit einer unbewaffneten Bücker Bü 181 bei Straßkirchen in der Nähe von Straubing von einem US-Jagdbomber abgeschossen. Sie hatte versucht, zu dem Gefangenentransport mit ihrem Ehemann zu gelangen. Zwei Stunden nach der Bergung erlag sie ihren schweren Verletzungen.

Melitta von Stauffenberg wurde nur 42 Jahre alt. Heute ruht sie im Familiengrab der Familie Schenk von Stauffenberg in Lautlingen.
 

1. Zit. nach Thomas Medicus: Melitta von Stauffenberg. Ein deutsches Leben, Berlin 2012, S. 141.

2. Zit. nach ebd., S. 219.