München bewahren und aufbauen

Stadtbaurat Karl Meitinger setzte 1946 den Wiederaufbau der Münchener Altstadt auf der Grundlage gewachsener Strukturen durch. Sein Sohn Otto baute die Residenz wieder auf und wirkte an der TUM als international renommierter Ordinarius und Präsident.

Der Vater: Bewahrer der Münchner Altstadt

Karl Meitinger (1882–1970) wurde am 11. Februar 1882 in München geboren. Er studierte Architektur an den Technischen Hochschulen München und Berlin. Nach dem Erwerb des Diploms arbeitete er für die Bauunternehmung Stöhr. Im Jahr 1910 trat er in die Münchener Stadtverwaltung ein. Ab 1928 war er städtischer Oberbaurat, ab 1936 leitete er die Abteilung Hochbau und 1938 stieg er zum Stadtbaurat auf. Bis 1945 zeichnete er unter anderem verantwortlich für das Dantebad und das benachbarte Stadion der Jugend (1926–28; zusammen mit Heinrich Bergthold), die Siedlung am Hart (1933–35), das Städtische Nordbad in München (1936–41; zusammen mit Philipp Zametzer), das Altersheim Schwabing an der Rümannstraße (1938–42) sowie für mehrere Hochbunker (1941).

Kurz vor Einmarsch der US-Armee verhinderte Meitinger die angeordnete Sprengung der Isarbrücken. Die US-Militärverwaltung berief ihn von 1945/46 erneut als Stadtbaurat. Mit seinem Exposé »Das Neue München – Vorschläge zum Wiederaufbau« (1946) konnte er einen an der historischen Bausubstanz orientierten Wiederaufbau erreichen, der sich im Bereich der Altstadt an den gewachsenen Grundrissen und Straßenzügen orientierte und stadtbildprägende Bauten im historischen Erscheinungsbild wiedererstellte. Als Erster konzipierte er einen um den Stadtkern führenden »Altstadtring«, der 20 Jahre später zu den Olympischen Spielen gebaut wurde. Ebenso verhielt es sich mit seiner Empfehlung für den Bau einer Untergrundbahn. Wurde seine Wiederaufbaukonzeption nach Kriegsende von Vertretern der Moderne stark kritisiert, so gilt sie heute als gelungene Synthese von Tradition und Moderne. Die Fakultät für Architektur der Technischen Hochschule München zeichnete Karl Meitinger 1965 mit der Ehrendoktorwürde aus. Der Architekt verstarb am 2. März 1970 und liegt auf dem Münchener Westfriedhof begraben.

Der Sohn: Vielgelobter Wiederaufbau der Residenz

Karl Meitingers Sohn Otto (1927–2017) wurde am 8. Mai 1927 in München geboren. Seiner Heimatstadt blieb er lebenslang eng verbunden. Am humanistischen Theresiengymnasium legte er das Abitur ab. Nach Arbeitsdienst, Kriegsdienst und Gefangenschaft (1944/45) half er freiwillig beim Schutträumen an der TH München und wurde deshalb schon im ersten Nachkriegssemester für das Fach Architektur zugelassen. Im Jahr 1949 erwarb er das Diplom. Auf eine Assistententätigkeit bei Hermann Leitenstorfer am Lehrstuhl für Entwerfen, Sakralbau und Denkmalpflege der TH München folgte 1952 die Staatsprüfung. Ein Jahr später heiratete er die Zahnärztin Dr. Erika Schweiger.

Als jungem Regierungsbaumeister wurde ihm 1953 auf Empfehlung seines Lehrers Rudolf Esterer, Präsident der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen und Honorarprofessor an der TH München, im Alter von nur 25 Jahren die Leitung des Münchener Residenzbauamts übertragen. Durch einen verheerenden Luftangriff waren von 23 500 m2 Dachfläche gerade einmal 50 m2 intakt geblieben. Viele Zeitgenossen erwarteten, dass der Wiederaufbau jahrzehntelang dauern würde und vieles nie mehr wiedererstehen würde. Mit dem tatkräftigen und weitgehend original getreuen Wiederaufbau der Residenz machte er sich international einen Namen. Hierfür wurden in den Residenzwerkstätten alte Handwerkstechniken neu belebt. Das Antiquarium und das Cuvilliés-Theater, die Hofkapelle, die Schatzkammer und die »Reichen Zimmer« erstanden wieder in altem Glanz.

»Wir müssen versuchen, möglichst viel von dem Geiste und dem Gefüge der alten Stadt in die neue Zeit hinüberzuretten.«1

Ein Anliegen war es ihm, die Residenz mit Leben zu erfüllen – so brachte er die Bayerische Akademie der Wissenschaften, die Bayerische Akademie der Schönen Künste, das Spanische Kulturinstitut, den Herkulessaal für Konzerte und das bespielte Cuvilliés-Theater in der Residenz unter. Das Großprojekt wurde beispielgebend für den Wiederaufbau vieler kriegszerstörter Baudenkmäler in Europa. Ein Verdienst Meitingers war es auch, Ereignisse wie die 800-Jahr-Feier Münchens (1958), das 200-jährige Jubiläum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1959) und den Eucharistischen Weltkongress (1960) zu nutzen, um dringend benötigte zusätzliche Mittel für den Residenzwiederaufbau einzuwerben.

Im Jahr 1963 wurde Otto Meitinger zum Leiter der Bauabteilung der Max-Planck-Gesellschaft berufen. Hier zeichnete er für über 60 große Institutsbauten im In- und Ausland verantwortlich. Unter seiner Leitung standen auch die herausragenden Umbauprojekte Palazzo Zuccari in Rom, Schloss Laxenburg bei Wien und Schloss Ringberg am Tegernsee.
Nebenbei verfasste er beim Professor der TUM Josef Wiedemann eine Doktorarbeit über die »Neuveste«, den mittelalterlichen Vorläufer der Münchener Residenz, und wurde 1970 mit Auszeichnung promoviert.

Initiator des TUM-Aufbaustudiums Denkmalpflege

Sechs Jahre später wurde Otto Meitinger als Nachfolger von Josef Wiedemann auf den Lehrstuhl für Entwerfen und Denkmalpflege der TUM berufen. Drei Jahre lang war er Dekan der Fakultät für Architektur und initiierte 1978 das international beachtete Aufbaustudium Denkmalpflege. Er ließ sich einen intensiven Austausch mit dem Ausland angelegen sein und reiste immer wieder dorthin, auch in Länder des Ostblocks. Zu seinen Arbeiten als Architekt zählen neben dem bereits genannten Umbau des Schlosses Laxenburg in Wien und des Palazzo Zuccari in Rom u. a. auch derjenige des Amtssitzes des Bundespräsidenten in Bonn (Villa Hammerschmidt) und Berlin (Schloss Bellevue).

Von 1987 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1995 amtierte Otto Meitinger über zwei Wahlperioden als Präsident der TUM. Gleichzeitig führte er seinen Lehrstuhl weiter und hielt regelmäßig seine Vorlesung. Kennzeichnend für seine Amtszeit waren rund 100 Neuberufungen als Folge eines Generationenwechsels bei den Lehrstuhlinhabern. In den vielen Berufungsverfahren erkannte er die große Chance, erstrangige Hochschullehrer zur Sicherung der Spitzenstellung der TUM in Lehre und Forschung zu gewinnen. Meitinger stellte als Präsident der TUM auch die Weichen für die Realisierung der Forschungs-Neutronenquelle FRM-II, initiierte ein mit großen Baumaßnahmen verbundenes Ausbaukonzept der Hochschule und legte die Grundlagen für ein einheitliches Erscheinungsbild der TUM.

Wirken als Präsident der TUM

Stärker als seine Vorgänger suchte Meitinger das Gemeinschaftsgefühl der immer größer werdenden Universität zu stärken. Auch verankerte er sie im Leben der Landeshauptstadt – der Dekan der Fakultät für Mathematik Roland Bulirsch resümierte: »Meitinger gelang das große Kunststück, die Technische Hochschule wieder geistig heimzuholen in die Stadt. Nicht länger mehr sehen Stadt, Stadtverwaltung und Bürgermeister die Hochschule als unerwünschte, die Harmonie des Königsplatzes und seiner Umgebung nur störende Gebäudeansammlung.«2 Ein besonderes Anliegen war ihm die Internationalisierung der Hochschule. Wichtige Partnerschaften und Kooperationsverträge mit ausländischen Universitäten wurden in seiner Amtszeit abgeschlossen, darunter auch mit solchen hinter dem sich öffnenden »Eisernen Vorhang« (Budapest, Kiew). Für besondere Gäste unternahm der TUM-Präsident legendäre Spezialführungen in der Münchner Residenz, bei denen er auch sonst nicht zugängliche Räume öffnete. Ein Generalschlüssel war ihm auf Lebenszeit verliehen worden.

Neue Maschinenbaufakultät plus dritte Pinakothek

Von Anfang an trug Otto Meitinger das weitsichtige Vorhaben von Wissenschaftsminister Hans Zehetmair zur Freihaltung des Türkenkasernengeländes für eine dritte Pinakothek mit. Hier waren eigentlich Neubauten für die TUM und die LMU beschlossen. Meitinger gelang das dreifache Kunststück, die Staatsregierung auf eine tragfähige Ersatzlösung in Garching festzulegen, die zögerlichen Professoren der Fakultät für Maschinenwesen von diesem Vorhaben zu überzeugen und die BMW AG zur Beschleunigung des Bauvorhabens als privaten Förderer zu gewinnen. Entscheidend hierbei war der gute persönliche Kontakt Meitingers zum damaligen BMW-Vorstandsvorsitzenden Eberhard von Kuenheim. Nach nur drei Jahren Bauzeit wurde im April 1997 der modernsten Ansprüchen genügende Garchinger Neubau der Fakultät für Maschinenwesen von der BMW AG übergeben, die die Bauherrenfunktion übernommen hatte. Auch erreichte Meitinger eine feste Zusage für eine U-Bahn-Anbindung Garchings.

Glanzvolles TUM-Jubiläum 1993

Ein Höhepunkt seiner Amtszeit als Präsident der TUM waren die Feierlichkeiten zum 125. Jubiläum der Hochschule im Juni 1993, die Meitinger als opulente Mischung aus Technik und Kunst, Geschichte und Philosophie glanzvoll zelebrierte. Aufgrund seiner guten persönlichen Verbindungen gelang es ihm, den deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker als Ehrengast der Festversammlung zu gewinnen. In seiner Festrede stellte Meitinger den Beitrag der TUM zur industriellen Entwicklung Bayerns heraus. Ein Leitthema des Hochschuljubiläums war das Verhältnis von Ethik und Technik.

Auch nach seiner Emeritierung war Meitinger als Architekt viel gefragt. So berief ihn der Freistaat Sachsen in das beratende Gremium für den Wiederaufbau des »Grünen Gewölbes« in Dresden, der weltberühmten Schatzkammer Augusts des Starken. Auch in der Deutschen Akademie für Städtebau, dem Bayerischen Landesbaukunstausschuss, dem Landesdenkmalrat, dem Auswahlausschuss der Bayerischen Landesstiftung und der Hypo-Kulturstiftung, dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, dem Kuratorium der Philip Morris Stiftung und dem Bayerischen Club sowie in Arbeitsgruppen des Deutschen Wissenschaftsrates wirkte er mit. Weit über 100 Mal war er als Preisrichter für Architekturwettbewerbe tätig.

Mitgliedschaften und Auszeichnungen

Otto Meitinger war von 1994 bis 2015 Mitglied der Hanns-Seidel-Stiftung, er engagierte sich im Freundes- und Förderkreis für das Deutsche Museum wie auch im Stiftungsrat der Messerschmitt-Stiftung, der größten privaten Denkmalschutzorganisation in Deutschland. Die von ihm, seiner Frau und seiner Schwester ins Leben gerufene Meitinger-Stiftung zur Förderung denkmalpflegerischer Projekte widmete sich verdienstvollen Vorhaben, wie z. B. der Restaurierung des Außenfreskos am Münchener Isartor.

Otto Meitinger wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. So erhielt er den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, das Große Bundesverdienstkreuz, den Bayerischen Verdienstorden, die Medaille »Bene Merenti« in Silber der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, das Commandeurkreuz des Étoile noir der französischen Ehrenlegion und das Ritterkreuz des päpstlichen Silvesterordens. Die Technische Universität Temeschburg (Timişoara) in Rumänien erkannte ihm die Ehrendoktorwürde zu. Seine Münchener Burschenschaft Stauffia verlieh ihm das Ehrenband, und die Landeshauptstadt München ernannte ihn 2005 zum Ehrenbürger, eine nur selten vergebene Auszeichnung.

Abschied

Als Otto Meitinger 1995 feierlich als Präsident der TUM verabschiedet wurde, charakterisierte ihn sein Nachfolger Wolfgang Herrmann mit den Worten: »Initiativ zupackend und zäh in der Zielverfolgung, dennoch stets im Augenmaß der Konzilianz, ruhender Pol im Inneren trotz rastloser Aktivität nach außen – integrierend und menschlich der liebenswürdige Herr, ein wirklicher Herr, und – viel seltener und ganz still – der ungeduldige Grantler, eben Altbayer durch und durch.«3 Auch nach seiner Emeritierung war der stets agile und aktive Otto Meitinger Stammgast bei den Veranstaltungen der TUM, und hinter den Kulissen wirkte er als viel gefragter Berater und Vermittler. Am 9. September 2017 verstarb er im Alter von 90 Jahren in seiner geliebten Heimatstadt München und liegt wie sein Vater auf dem Westfriedhof begraben.
 
 

1. Karl Meitinger: Das Neue München. Vorschläge zum Wiederaufbau, München 1946, S. 62.

2. »Die Präsidentschaft Meitinger« – Festvortrag des Dekans der Fakultät für Mathematik Roland Bulirsch. In: TUM-Mitteilungen (1994/95) 6, S. 23.

3. Grußadresse des designierten Präsidenten der TUM Wolfgang A. Herrmann, in: TUM-Mitteilungen 6 (1994/95), S. 6.