Vom Diplom-Landwirt zum Bundesagrarminister

Josef Ertl wurde am 7. März 1925 in Murnau am Staffelsee in eine liberal-katholische Bauernfamilie geboren. Der Ortspfarrer förderte den begabten Schüler. Nach Abitur und Arbeitsdienst wurde er 1943 zur Luftwaffe eingezogen und zum Sturzkampfpiloten ausgebildet. Er brachte es zum Oberfähnrich und wurde kurz vor Kriegsende verwundet. 1943 war er der NSDAP beigetreten.

Ausbildung und Studium

Da der ältere Bruder den Familienhof übernahm, blieb Josef Ertl nur eine Karriere in der Agrarverwaltung. Zunächst sammelte er im Rahmen einer Lehre Erfahrungen in der Landwirtschaft und schloss sie 1947 mit Auszeichnung ab. Danach studierte er an der Technischen Hochschule München in Freising-Weihenstephan Landwirtschaft und erwarb 1950 das Diplom, 1952 das Staatsexamen. Während dieser Zeit wurde er in der Studentenverbindung Akademischer Verein Agraria München-Weihenstephan aktiv. Im Jahr 1953 führte ihn ein Studienaufenthalt in die USA.

Karriere im Ministerium

Von 1952–59 arbeitete Ertl im Bayerischen Landwirtschaftsministerium, danach leitete er von 1959-61 das Landwirtschaftsamt Miesbach und wurde zum Oberlandwirtschaftsrat befördert. Im Jahr 1953 heiratete er Paula Niklas, die Tochter von Bundeslandwirtschaftsminister Wilhelm Niklas (CSU). Im Jahr 1952 trat Ertl in die FDP ein und gehörte dort zum rechten Flügel. Von 1952–56 war er Mitglied des Kreistags München-Land, von 1966–71 des Kreistags Miesbach. Im Jahr 1961 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt und wurde 1968 Stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion. Trotz seiner Abneigung gegen die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler trug er die sozial-liberale Koalition schließlich mit und wurde 1969 zum Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten berufen. Auch unter den Bundeskanzlern Helmut Schmidt und Helmut Kohl bekleidete er dieses Amt, musste es aber im März 1983 aufgeben, da der FDP nach der Bundestagswahl ein Ministerposten weniger zustand.

Europäische Agrarpolitik

Dank seiner soliden Fachkenntnisse konnte Ertl auf dem Brüsseler Parkett überzeugend auftreten. Stets war er ein energischer Sachwalter bäuerlicher Interessen. Er wandte sich gegen EU-Pläne für ein industrialisiertes Agrarwesen und trat für eine flächendeckende bäuerliche Landwirtschaft ein. Die Modernisierung und Rationalisierung der deutschen Landwirtschaft unterstützte er mit einem Förderprogramm. Als nach der Aufwertung der Deutschen Mark 1971 Einnahmeverluste für die deutschen Landwirte drohten, setzte er Ausgleichszahlungen der EU durch. Auch kämpfte er gegen eine Senkung der Erzeugerpreise. Der überzeugte Europäer hatte wesentlichen Anteil am Aufbau der gemeinsamen Agrarstrukturpolitik. Eine seiner Stärken bestand darin, dass er nie den Kontakt zu den Bauern verlor.

Wir wissen alle, dass wir dieses Europa brauchen, wenn wir nicht letzten Endes zum Spielball der Mächtigen werden wollen.1

Agrarsozialpolitik war ihm besonders wichtig. Es gelang ihm, ein soziales Sicherungssystem für die bäuerlichen Familien aufzubauen. Auch setzte er sich für bessere Bildungsmöglichkeiten ein. Ein besonderes Anliegen war ihm der Schutz der Umwelt und der Natur. Hierfür sah er eine enge Zusammenarbeit von Bauern, Naturschützern und Verbrauchern als unerlässlich an.

In Bayern dahoam

In seiner bayerischen Heimat verwurzelt, war Ertl zugleich weltoffen. Mit seinen europäischen Amtskollegen, wie z. B. dem Franzosen Jacques Chirac, pflegte er das persönliche Gespräch, vielfach entwickelten sich Freundschaften daraus. Manche Streitpunkte konnte er unbürokratisch klären. Der praktizierende Katholik war 1975 Mitinitiator und Erster Vorsitzender des Katholisch-Liberalen Arbeitskreises (KLA). Von 1984–90 amtierte er als Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Außerdem diente er von 1978–91 dem Deutschen Skiverband als Präsident. Denn das Skifahren war neben dem Bergwandern seine Leidenschaft. Wichtig war ihm auch der Erhalt der deutschen Sprache und Kultur in Südtirol. In den 1970er Jahren war Ertl Mitinitiator und Vorsitzender des »Kulturwerks Südtirol«. Seit dem Angriff eines Stiers auf dem Hof seines Sohnes in Rott am Inn an Ostern 1993 war Ertl auf den Rollstuhl angewiesen. Am 10. November 2000 wurde er Opfer eines tragischen Brandunfalls und erlag sechs Tage später seinen schweren Verletzungen.

Auszeichnungen

Von seinen zahlreichen Ehrungen seien genannt: der Bayerische Verdienstorden (1971), das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich (1971), das Große Bundesverdienstkreuz (1973), das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband (1975), der Karl-Abetz-Preis für seine Verdienste um die wirtschaftliche Förderung der deutschen Forstwirtschaft (1975), die Ernst-Reuter-Plakette der Stadt Berlin (1979), die Andreas-Hermes-Medaille des Deutschen Bauernverbandes (1979), das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik (1979), die nach seinem Schwiegervater benannte Professor-Niklas-Medaille in Gold (1990) und die Ehrenmedaille in Gold des Bayerischen Bauernverbandes (1995). Die Technische Universität Tokio verlieh ihm einen Ehrendoktor. Im Jahr 2001 stiftete die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) die Josef-Ertl-Medaille. Sie erinnert an einen erfolgreichen Bundeslandwirtschaftsminister, der nicht dem Zeitgeist huldigte, sondern seinen Überzeugungen getreu redete und handelte.

1. Zit. nach Ansprache des Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Karl-Heinz Funke, zum Abschied von Josef Ertl. Trauerstaatsakt im Deutschen Bundestag am 30.11.2000. (letzter Zugriff 2.5.2018).

Foto: Bundesarchiv Koblenz, B 145 Bild-F053620-0004 / Fotograf: Wienke, Ulrich / Lizenz CC-BY-SA 3.0