Physiker und Unternehmensleiter

Hermann Linde wurde am 12. November 1917 als vierter Sohn von Richard Linde und seiner Ehefrau Julie geb. Hingkeldey in München geboren. Er besuchte zunächst die Volksschule in Solln, dann ab 1928 das humanistische Theresiengymnasium in München, wo er 1937 die Reifeprüfung ablegte. Danach leistete er den Arbeits- und Wehrdienst ab. Eigentlich wollte er evangelische Theologie studieren, entschied sich aber schließlich für das Maschinenwesen. Doch brach der Zweite Weltkrieg aus, und er kämpfte als Soldat in Polen und Frankreich. Im Jahr 1940 wurde er im Frankreichfeldzug verwundet und verbrachte Monate im Lazarett. Zwei seiner Brüder fielen.

Im Jahr 1941 wurde Hermann Linde im Rang eines Oberleutnants der Reserve aus der Wehrmacht entlassen. Als Kriegsversehrter durfte er an der Technischen Hochschule München studieren. Wegen der Teillähmung seines Fußes wechselte er vom Maschinenwesen zur Technischen Physik. Im Jahr 1945 erwarb er das Diplom; drei Jahre später wurde er bei Walther Meißner mit einer Dissertation über das Ausfrieren von Dämpfen aus Gas-Dampf-Gemischen bei atmosphärischem Druck promoviert. Ein Jahr zuvor hatte er Anneliese Lipphardt geheiratet.

Karriere in der Linde-Gesellschaft

Im Januar 1949 begann Hermann Linde seine berufliche Laufbahn als Verfahrensingenieur in der Abteilung Chemie der Linde-Gesellschaft in Höllriegelskreuth bei München. Ein Jahr später wechselte er in die Unternehmenssparte Verfahrenstechnik. Ab 1957 leitete er mit Prokura die Abteilungen Technisches Büro, Montagebüro, Berechnungsbüro sowie die Fertigungsbereiche in Höllriegelskreuth und Schalchen.

Im Jahr 1961 wurde er zum stellvertretenden, 1965 zum ordentlichen Vorstandsmitglied der Linde AG berufen. Als überzeugter Christ formulierte er zehn Grundsätze einer ethischen Unternehmensleitung. Unter seiner Führung entwickelte sich der frühere Apparatebau zum Großanlagenbau, wobei Linde gegenüber den Kunden als Generalunternehmer die Gesamtverantwortung für die einzelnen Projekte übernahm.

Ab 1970 betreute Hermann Linde die Werksgruppe Sürth bei Köln und ein Jahr später zusätzlich die Kühlhäuser. Im Jahr 1972 wurde er zum Sprecher des Vorstands ernannt. Nach Differenzen über die Führung und Organisation des Unternehmens trat Hermann Linde im September 1976 aus dem Vorstand aus. Mit seinem energischen Widerstand gegen unfairen Konkurrenzkampf war er bei seinen Kollegen angeeckt. Hingegen hatte er mit seinem christlich-ethischen Fundament und seiner sozialen Haltung stets das uneingeschränkte Vertrauen der Belegschaft und des Betriebsrats genossen. Güte, Wahrhaftigkeit und Sinn für Gerechtigkeit waren Eigenschaften, die seine Mitarbeiter an ihm schätzten.

Zweite Karriere als TUM-Professor

Hermann Linde folgte dem Beispiel seines Großvaters Carl von Linde, der sich 1890 aus der Unternehmensführung zurückgezogen und zwei Jahre später wieder eine Professur an der TH München übernommen hatte. Von 1977 bis 1983 hielt Hermann Linde als Lehrbeauftragter Vorlesungen über sein Spezialthema »Großtechnische Prozesse bei tiefen Temperaturen«. Im Jahr 1982 wurde er zum Honorarprofessor ernannt. Zusammen mit dem ehemaligen Linde-Mitarbeiter und Absolventen der TH München Professor Helmuth Hausen (TH Hannover) veröffentlichte er 1985 das Standardwerk »Tieftemperaturtechnik: Erzeugung sehr tiefer Temperaturen, Gasverflüssigung und Zerlegung von Gasgemischen«.

Hermann Linde war 14 Jahre lang Vorsitzender des Vorstandes des TÜV Bayern. Er amtierte als Vorsitzender des Deutschen Kälte- und Klimatechnischen Vereins (DKV), als stellvertretender Vorsitzender des Verbands der Technischen Überwachungs-Vereine (VdTÜV), als Präsidiumsmitglied des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und saß im Vorstand der DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie, im DIN-Präsidium, im Kuratorium des Deutschen Museums und im Vorstandsrat des Bundes der Freunde der Technischen Universität München. Der DKV verlieh ihm 1980 die Rudolf-Plank-Medaille. Hermann Linde wurde außerdem mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

»Die vom Unternehmen produzierten Güter sollen der Menschheit erkennbar mindestens mehr nützen als schaden.«1

Sein Steckenpferd war die klassische Musik, er spielte leidenschaftlich Bratsche und Geige. Über viele Jahre engagierte er sich als Kirchenvorstand und spendete namhafte Summen für kirchliche und soziale Projekte, ohne darum viel Aufhebens zu machen. Auch setzte er sich jahrzehntelang für das kulturelle Leben in seiner Wohngemeinde Pullach ein, die ihn 2002 zu ihrem Ehrenbürger ernannte.

Noch im hohen Alter war Hermann Linde rüstig und geistig rege, hatte sein jugendliches Naturell behalten. Im Jahr 2007 veröffentlichte er das Buch »Die Familie Linde im Dritten Reich. Briefe und Kommentare«, basierend auf Rundbriefen seines Vaters und Feldpostbriefen seiner Brüder, die er im Nachlass seiner Mutter entdeckt hatte. Die authentischen Zeitdokumente beleuchten NS-Zeit und Zweiten Weltkrieg aus der Sicht einer christlich eingestellten Unternehmerfamilie.

Auch unterstützte er die Würdigung seines Großvaters Carl von Linde durch den Präsidenten der TUM Wolfgang A. Herrmann im Rahmen der BR-Sendereihe »München leuchtet für die Wissenschaft«. Seiner Alma Mater blieb der stets bescheiden auftretende und hilfsbereite Hermann Linde bis an sein Lebensende verbunden und er unterstützte die 2010 gegründete Universitätsstiftung mit einem namhaften Betrag.

Nur 25 Tage nach dem Tod seiner Frau Anneliese verstarb er am 31. August 2015 im Alter von 97 Jahren. Das Ehepaar war 70 Jahre lang verheiratet gewesen und hinterließ drei Töchter, einen Sohn sowie eine große Schar von Enkeln und Urenkeln.

 

 

1. Der von Hermann Linde entworfene Grundsatz 4 der Unternehmensleitung, zit. nach Greuel im Vorstand, Der Spiegel, 13.9.1976, S. 70.