Bildhauer und Akademieprofessor

Heinrich Kirchner wurde am 12. Mai 1902 in Erlangen als Sohn des Zimmermeisters Michael Kirchner und seiner Frau Margarete geboren. Der väterliche Beruf war auch für ihn vorgezeichnet. Doch konnte er sich schließlich mit seinem Wunsch, Künstlerisches Gestalten zu studieren, gegen seine Eltern durchsetzen.

Studium an der Akademie und der TH München

Nach dem Besuch der Realschule Erlangen (1914–20) und der Oberrealschule Fürth (1920–23) studierte Kirchner zunächst von 1923–24 Kunstgeschichte an der Universität Erlangen. An der Münchener Akademie der Bildenden Künste wurde er 1924 von Professor Hermann Hahn als Meisterschüler aufgenommen. Er war gezwungen, sich als Werkstudent Geld für das Studium zu verdienen. Alltägliche Sorgen brachten ihn in dieser Zeit oft an den Rand des Zusammenbruchs.

An der Akademie wurden dem begabten Studenten mehrere Preise und Belobigungen zuerkannt. 1926/27 konnte er einen einjährigen Studienaufenthalt an der École nationale supérieure des beaux-arts und der Académie Julian in Paris durchführen. 1928 wurden erstmals Werke von ihm ausgestellt.

Da seine Eltern darauf beharrten, dass er etwas »Ordentliches« lernte, studierte er 1928/29 neben seiner Akademieausbildung Zeichnen an der Technischen Hochschule München und bestand danach die Prüfung als Zeichenlehrer für Höhere Schulen mit dem Prädikat »Gut«. Ausüben wollte er diesen Beruf allerdings nicht.

Im Juli 1928 heiratete er Margarete Rasche. Aus der Ehe gingen der Sohn Friedrich und die Tochter Michaela hervor, die zur Freude des Vaters als Bildhauerin in seine Fußstapfen trat.

Reisestipendium für Italien

Gefördert durch ein Reisestipendium, unternahm Kirchner 1931 mit seinem älteren Meisterschülerkollegen Fritz Wrampe und dem Kunstmaler Max Schöfer eine halbjährige Studienreise nach Italien.

Im Folgejahr schloss er das Akademiestudium ab und wurde Fachlehrer für Bronzeguss und Leiter der Erzgießereiwerkstätte an der Akademie. Gleichzeitig begann er eine Tätigkeit als freischaffender Bildhauer.

Bronzeguss im Wachs-Ausschmelzverfahren

Im Selbststudium eignete er sich die vergessene antike Kunst des Bronzegusses im Wachs-ausschmelzverfahren an und entwickelte sie mit zahlreichen Experimenten weiter. Dabei wird die Plastik in eine aus Ton, Quarzsand, Gips und Schamotte bestehende keramische Ausschmelzform gebettet. Durch Eingießen der flüssigen Bronze und Ablaufen des schmelzenden Wachses entsteht der Guss. Bei diesem Verfahren überlebt die Form nicht. Jedes Werk ist ein Unikat.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme durfte der junge Bildhauer den für den Frankfurter Flughafen bestimmten Reichsadler mit 3,5 Metern Höhe gießen. Er legte jedoch keinen Wert darauf, seine Werke im »Museum für Deutsche Kunst« auszustellen und blieb der Öffentlichkeit damit noch weitgehend unbekannt. Mit seiner freiheitlichen Einstellung stand Kirchner dem Nationalsozialismus fern und trat keiner Parteigliederung bei.

Von 1940 bis 1945 leistete er als Obergefreiter Kriegsdienst bei Flugabwehr-Abteilungen. Der Zwangsarbeit für Kriegsgefangene in Südfrankreich entging er nach dem Krieg durch einen beherzten Sprung vom Transportzug.

Charakteristische Menschen- und Tierskulpturen

Mit seinen stark reduzierten, gegenständlichen Menschen- und Tierskulpturen aus Bronze und Eisen erwarb er sich einen festen Platz in der Geschichte der deutschen Nachkriegskunst. Mit archaischer Kraft sprechen sie für sich selbst und wirken häufig, als ob sie auf der Bühne eines Theaters stehen. Meisterhaft beherrschte Kirchner die Kunst des Weglassens. Charakteristische Merkmale seiner Figuren sind der häufig isoliert wirkende Kopf, die dünnen Arme und die ausdrucksstarke Gestik.

Ich versuchte, engagierte Kunst zu machen. Unbewußt war die Idee der Liebe der Inhaltskern, den ich in Formen zu fassen versuchte.1

Im Zentrum seiner Darstellung stehen die Begegnung von Menschen und die Begegnung von Mensch und Gott. In der Kunst des griechischen und römischen Altertums fand er geistige Wurzeln, und aus der antiken Mythologie und Götterwelt bezog er nicht selten Motive für seine Werke. Auch von keltisch-romanischen und altägyptischen Vorbildern wurde er beeinflusst.

Neigung zu christlichen Themen

Häufig setzte der katholische Künstler christliche Themen um, wie z. B. in seiner berühmten Skulptur »Guter Hirte«, einer Darstellung von Jesus Christus, der seinem Gegenüber ein Lamm entgegenhält. Der Künstler arbeitete für mehrere Kirchenbauten des Münchener Architekten Alexander von Branca.

Die Fachwelt wurde bald auf den Meister der ausdrucksstarken Bronzeskulpturen aufmerksam. Namhafte Museen wie die Staatsgalerie München, die Nationalgalerie Berlin und die Kunsthalle Hamburg kauften Werke von ihm.

Frühe Preise und Auszeichnungen

Im Jahr 1950 erhielt Kirchner den Kunstpreis der Stadt München, 1951 den höchsten Preis für Angewandte Kunst auf der Ausstellung »Eisen und Stahl« in Düsseldorf, 1952 die Goldmedaille auf der Internationalen Ausstellung für Plastik in Wien.

Nun begannen sich Hochschulen für den Künstler zu interessieren, doch wollte Kirchner seine Wahlheimat München nicht verlassen und begnügte sich mit dem spärlichen Gehalt an der Akademie der Bildenden Künste. 1952 erhielt er dort eine ordentliche Professur für Bildhauerei. Zu seinen bekannten Schülern zählt Lothar Fischer, freischaffender Bildhauer und Professor an der Berliner Universität der Künste.

Teilnehmer der documenta

Im Jahr 1959 nahm Kirchner an der documenta II in Kassel teil, 1966 führte er einen Studienaufenthalt in den USA durch. Von 1965 bis 1969 lehrte das Mitglied des Deutschen Künstlerbundes an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg. Einzelausstellungen wurden ihm nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Österreich und den USA gewidmet.

Im Jahr 1970 wurde Kirchner als Professor in den Ruhestand versetzt und zog nach Pavolding im Chiemgau, wo er den »Fischerhof« erworben hatte. Zusammen mit Schülern renovierte er in mehrjähriger geduldiger Arbeit das historische Anwesen aus dem 17. Jahrhundert und baute es zur Stätte künstlerischen Gestaltens und Formens aus. Vor dem Hof und auf einer benachbarten Wiese wurden die Besucher von figuralen Großskulpturen Kirchners begrüßt, die mit ausgestreckten Armen in den Himmel wiesen.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1975 heiratete er seine Schülerin und langjährige Assistentin Katharina Klampfleuthner. Nach kurzer, schwerer Krankheit starb Kirchner am 3. März 1984. Sein mit einem Bronzerelief versehenes Grab befindet sich auf dem Friedhof der Insel Frauenchiemsee.

Ehrungen und Auszeichnungen

Kirchner wurde in die Akademie der Schönen Künste München (1953) und in die Berliner Akademie der Künste (1956) berufen, die Akademie der Bildenden Künste München ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied.

Im Jahr 1975 zeichnete ihn die Stadt Erlangen mit dem Goldenen Ehrenring aus, 1979 die Stadt Rosenheim mit dem Kulturpreis. Der Freistaat Bayern verlieh ihm 1977 den Bayerischen Verdienstorden.

Besondere Freude bereitete ihm 1982 die Verleihung des Dr. theol. h. c. durch die Fakultät für Katholische Theologie der Universität Bamberg. Gewürdigt wurde damit sein Beitrag zur »Neubestimmung christlicher Spiritualität«, der nicht nur in seiner explizit sakralen Kunst erkennbar sei. In seiner Laudatio rühmte Professor Aloys Goergen die Ergriffenheit seiner Skulpturen. Kirchner sei es gelungen, Schönheit und Wahrheit menschlicher Existenz auf eindrucksvolle Weise miteinander zu vereinen.

Skulpturengarten in Erlangen

Seine Geburtsstadt Erlangen richtete 1982 einen von ihm mitgestalteten Skulpturenpark im idyllischen, mit Obstbäumen bepflanzten Burgberggarten ein, ernannte ihn zum Ehrenbürger und benannte sowohl eine Schule als auch eine Straße nach ihm. An seinem letzten Heimatort richtete die Gemeinde Seeon-Seebruck ein Kirchner-Museum ein.

Namhafte Museen wie die Nationalgalerie Berlin, die Kunsthalle Bremen, das Hessische Landesmuseum Darmstadt, die Städtische Sammlung Erlangen, das Städelsche Kunstinstitut Frankfurt am Main, die Hamburger Kunsthalle, das Sprengel-Museum Hannover, das Museum Ludwig Köln, die Bayerische Staatsgalerie München, das Von der Heydt-Museum Wuppertal und das Museum Cincinnati in Ohio (USA) zeigen Werke von Heinrich Kirchner.

Sein Förderer Professor Aloys Goergen rühmte den stets liebenswürdigen Künstler mit den Worten: »In seinen figurierten Aussagen tritt das verhüllte Geheimnis des Daseins in Erscheinung. Seine Aussagen fordern die Begegnung, die beunruhigt. Nur wer zur Erschütterung bereit ist und sie durchsteht, nimmt diese Verantwortung wahr.«2
 

1. Zit. nach Karl Kreuzer: Begegnung mit dem Bildhauer Heinrich Kirchner (letzter Zugriff 10.7.2017).

2. Aloys Goergen: Der Bildhauer Heinrich Kirchner, in: Das neue Erlangen 18 (1970), S. 1375.