Architekt, Bildhauer und Pritzker-Preisträger

Gottfried Böhm wurde am 23. Januar 1920 in Offenbach als Sohn des Architekten Professor Dominikus Böhm und seiner Frau Maria Böhm geboren. Bereits als Kind zeichnete er im Büro seines Vaters Kirchenfenster.

Studium an der TH München

Er besuchte das Apostel-Gymnasium in Köln und erwarb 1939 die Allgemeine Hochschulreife. Im selben Jahr zum Kriegsdienst eingezogen, wurde er in Russland verwundet und konnte so 1942 an der Technischen Hochschule München das Studium der Architektur aufnehmen. Außerdem studierte er Bildhauerei an der Kunstakademie. Kurz vor Kriegsende erwarb er das Diplom. Da er noch nicht in das zerstörte Köln zurückkehren konnte, widmete er sich einige Jahre lang in München der Bildhauerei und freien Studien.

Erfahrungen in den USA

Im Jahr 1948 heiratete Böhm die Architektin Elisabeth Haggenmüller, die ebenfalls an der TH München studiert hatte. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor, auch von ihnen studierten drei Architektur und traten in das Familienbüro ein. 1950 war Böhm unter Leitung von Rudolf Schwarz bei der Wiederaufbaugesellschaft der Stadt Köln tätig. 1951 nahm er sich ein Jahr Auszeit, studierte die US-amerikanische Architektur, traf emigrierte Bauhausarchitekten wie Walter Gropius und Mies van der Rohe und sammelte Erfahrung im New Yorker Architekturbüro von Cajetan Baumann. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er 1955 die Leitung des Architektenbüros und setzte die Kirchenbautradition fort. Insgesamt zeichnete er für mehr als 40 Sakralbauten verantwortlich, überwiegend im Rheinland, aber auch in Brasilien, Italien und Taiwan.

Ordinarius an der RWTH Aachen

Im Jahr 1963 folgte Böhm außerdem einem Ruf als Ordinarius für Werklehre (später Stadtbereichsplanung und Werklehre) an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. In den 1980er Jahren leitete er Seminare am MIT Cambridge, Massachusetts, an der University of Pennsylvania, Philadelphia, und an der Washington University in St. Louis. 1985 wurde er emeritiert.

Viele von Böhms skulpturenhaften Bauten in Beton, Stahl und Glas gelten als Architekturikonen des 20. Jahrhunderts. Beeinflusst von seiner Zusatzausbildung als Bildhauer, begann der Künstler stets mit einem Lehmmodell seines Entwurfs. Zu einem Markenzeichen wurden die von ihm entwickelten »Gewebedecken«: leichte, hängende Betonschalen mit textiler Wirkung. Bereits bei seinem ersten sakralen Bau, der Kapelle St. Kolumba in Köln (»Madonna in den Trümmern«; 1947–50) am Ort einer kriegszerstörten Kirche, setzte er dieses Bauelement ein.

Meister der »Betonfelsen«

In den 1960er Jahren wurde Böhm mit seinen kristallinen »Betonfelsen« international bekannt. Beispiele sind die Marienkirche in Kassel-Wilhelmshöhe und die Kirche St. Gertrud in Köln. Als sein wichtigstes Werk überhaupt gilt die expressionistische Wallfahrtskirche in Neviges (auch »Mariendom« genannt). Böhm verwendete eine aufgehängte Betonkonstruktion, bei der sich die Wand- und Deckenelemente gegenseitig stützen. Durch das Dach mit seinen auf mehrere Spitzen zulaufenden unregelmäßigen Flächen wirkt die Kirche wie ein großes Zelt. Damit nimmt sie den Geist des II. Vatikanischen Konzils auf, das die Kirche als eine Gemeinschaft von Menschen sieht.

»Ein Gebäude ist für den Menschen Raum und Grundlage seiner Würde, sein Äußeres sollte seinen Inhalt und seine Funktionen reflektieren.« 1

Ab Mitte der 1960er wandte sich Böhm Profanbauten und der Gestaltung von Stadträumen zu. Aufsehen erregte das Neue Rathaus von Bensberg (1983–89). Das ringförmige Ensemble aus Sichtbeton mit mächtigem Turm umfasst die mittelalterlichen Burgreste. Zu seinem Bekanntheitsgrad trug auch die als »Ort der Kommunikation« gestaltete Hochhaussiedlung in Köln-Chorweiler (1966–74) bei. Um einen zentralen Platz wölbt sich ein Hochhaus, ergänzt durch verschachtelte Wohnungen entlang einer schmalen Gasse. Ein Hauptwerk ist auch das Verwaltungsgebäude der Firma Züblin in Stuttgart-Möhringen (1981–85). Zwischen zwei Betonriegeln aus Fertigteilen platzierte der Architekt eine monumentale gläserne Halle, die als kommunikatives Foyer dient. Zu seinen jüngsten Bauten zählt das zusammen mit seinem Sohn Stephan erbaute Hans Otto Theater in Potsdam (1995–2006), eine leichte, schwebende Schalenkonstruktion mit drei roten, scheinbar rotierenden Dachscheiben.

Ideen für den Umbau des Reichstags

Von Böhm stammte auch ein erstes Gutachten für den Umbau des Reichstags, in dem er die Idee einer begehbaren gläsernen Kuppel entwickelte. Dieses Stilelement wurde schließlich vom Wettbewerbssieger Norman Foster aufgegriffen. Zunächst hatte der Londoner Architekt ein freistehendes, transparentes Dach über dem Gebäude und Teilen der Umgebung favorisiert. Böhm interessierte sich auch für die Gestaltung urbaner Räume. So fertigte er Entwürfe für die Flächen im Umfeld des Kölner Doms und des Heumarkts, für den Prager Platz in Berlin und das früher vom FIAT-Konzern beherrschte Lingotto-Quartier in Turin an. Sein Motto war: » Ich denke, die Zukunft der Architektur liegt nicht so sehr darin, die Landschaft weiter zu füllen, sondern Leben und Ordnung in unsere Städte zurückzubringen.«2

Unzählige Akademiemitgliedschaften und Preise

Zahlreiche Akademien ernannten Böhm zu ihrem Mitglied: die Akademie der Künste Berlin (1968), die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung in Berlin (1976), die Académie d’Architecture in Paris (1983) und die Accademia Pontificia al Pantheon in Rom (1986). Beginnend 1967 mit dem Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten, Köln, wurde ihm ein Dutzend renommierter Architektur- und Kunstpreise verliehen, darunter die Grande Medaille d’Or der Académie de l’Architecture in Paris (1982) und der Fritz-Schumacher-Preis für Architektur (1985). Im Jahr 1982 ernannte ihn das New York Chapter des American Institute of Architects und 1991 das Royal Institute of British Architects, London, zum Honorary Fellow.

Als erster deutscher Architekt wurde Böhm 1986 mit dem New Yorker Pritzker-Architekturpreis ausgezeichnet. Er gilt als der Nobelpreis für Architekten. In der Laudatio hieß es: »Sein unglaublich bewegendes Werk verbindet vieles, was wir von unseren Vorfahren geerbt haben, mit neu Erworbenem – es ist eine frappierende und anregende Verbindung, die zu ehren der Pritzker-Architekturpreis sich glücklich schätzt.«3

Die Universidad Nacional F. Villareal in Lima, Peru, verlieh ihm 1977 eine Ehrenprofessur. Die Fakultät für Architektur seiner Alma Mater, der Technischen Universität München, würdigte ihn 1985 mit einem Ehrendoktorat. Im Jahr 2006 dokumentierte die Ausstellung »Gottfried Böhm – Felsen aus Beton und Glas« im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main sein Lebenswerk. In erweiterter Form wurde sie 2009 im Museum für Angewandte Kunst Köln wiederholt.

Aktiver Architekt mit weit über 90 Jahren

Noch im Alter von weit über 90 arbeitet Gottfried Böhm an den Projekten seiner Söhne mit – »ohne Arbeit kann ich nicht leben«, lautet seine Devise. Umso mehr gilt dies seit dem Tod der geliebten Ehefrau. So baute Sohn Stephan die Hauptverwaltung der Deutschen Bahn in Frankfurt am Main, Peter das Museum Ägyptischer Kunst in München und Paul die Kölner DITIB-Zentralmoschee. Auch im Boomland China ist das Büro Böhm inzwischen tätig. Im Jahr 2015 setzte der Film »Die Böhms – Architektur einer Familie« von Maurizius Staerkle Drux der einzigartigen Familiendynastie von Architekten ein Denkmal. Gottfried Böhm war Sohn eines Architekten und Enkel eines Architekten, und inzwischen studiert auch ein erster Enkel von ihm dieses Fach.
 

1. The Pritzker Architecture Prize: Ceremony Acceptance Speech, Gottfried Böhm, übers. v. M. P. (letzter Zugriff: 17.12.2015).

2. Zit. nach The Pritzker Architecture Prize: Biography, Gottfried Böhm, übers.v. M. P. (letzter Zugriff: 14.5.2018).

3. The Pritzker Prize: Jury Citation, Gottfried Böhm, übers. v. M. P. (letzter Zugriff: 14.5.2018).