Siemens kommt nach Bayern

Ernst Albrecht von Siemens wurde am 9. April 1903 in Kingston bei London, England, geboren, wo sein Vater Carl Friedrich von Siemens in der Leitung der Firma Siemens Brothers & Co. Ltd. tätig war. Seine Mutter war Auguste von Siemens geb. Bötzow, die Tochter des Brauereiinhabers Julius Bötzow. Im Jahr 1908 übernahm der Vater die Leitung der neu aufgebauten zentralen Exportabteilung von Siemens & Halske in Berlin. Seine Kindheit und Jugend verlebte Ernst von Siemens auf dem Landsitz seiner Eltern am Lehnitzsee bei Potsdam.

Er besuchte das Realgymnasium in Potsdam und erwarb 1922 die Hochschulreife. Danach studierte er Physik an der Technischen Hochschule München. Hier hatte bereits sein Vater studiert, und im Chiemgau besaß die Familie ein Jagdhaus. Ernst von Siemens entdeckte seine Leidenschaft für das Skifahren und das Bergsteigen. Er war aktives Mitglied des Akademischen Alpenvereins und führte einige Erstbegehungen durch. Schon früh entdeckte er auch seine Liebe zur Botanik.

Unheilbare Krankheit verhindert Promotion

Als er an seiner Dissertation über Spektralmessungen saß, erkrankte er 1927 an spinaler Kinderlähmung. Mit Zähigkeit, Ausdauer und viel Sport konnte er allmählich die Folgen der damals unheilbaren Krankheit überwinden und entging dem Rollstuhl. Zurück blieb eine Gehbehinderung. Da auch sein Doktorvater zu dieser Zeit verstarb, entschloss er sich, die Promotion abzubrechen und die Hochschule im Jahr 1928 ohne Abschluss zu verlassen.

Seine Tätigkeit bei Siemens begann er 1929 als Volontär in der Sozialpolitischen Abteilung von Siemens & Halske. 1934 trat er in das Wernerwerk für Telegraphie, Fernsprechwesen und Signalanlagen in Berlin-Siemensstadt ein und stieg zum Direktor der Abteilung Rundfunkgeräte und Kleinfabrikate auf. Erstmals ließ er ein einheitliches Erscheinungsbild für Außendarstellung und Werbung entwickeln. Im Jahr 1941 stieg er zum Generalbevollmächtigten der Siemens & Halske A. G. und zum Direktor des neu gebildeten Wernerwerks für Rundfunkgeräte und Bauelemente auf. Zwei Jahre später übernahm er die Leitung der zentralen Auslandsabteilung und erhielt einen stellvertretenden Sitz im Vorstand der Siemens & Halske A. G..

Firmenverlagerung von Berlin nach Bayern

Im Februar 1945 wurde Ernst von Siemens nach München beordert, um von dort die Oberleitung aller Betriebe außerhalb der Reichshauptstadt wahrzunehmen. Bei Kriegsende wurden ihm außerordentliche Vollmachten übertragen. Denn es drohte die Verhaftung des Vorstandsvorsitzenden Hermann von Siemens durch die Alliierten wegen dessen führender Rolle in der Kriegsrüstung. In der Tat wurde dieser bald verhaftet und drei Jahre lang interniert, obgleich es nicht zu einer Anklage kam. Ernst von Siemens übernahm 1945 die dezentrale Gruppenleitung West der Siemens & Halske in München, die Leitung der Gemeinschaftsabteilungen beider Stammgesellschaften sowie die treuhänderische Wahrnehmung der Vertretung der Gesamtinteressen des Hauses Siemens.

»Wenn man die Geschichte betrachtet, die ja schließlich das Ergebnis der Politik ist, dann kann einem vor dieser Kunst nur grausen.«1

Im Jahr 1948 wurde Ernst von Siemens zum ordentlichen Mitglied und 1949 zum Vorsitzenden des Vorstands der Siemens & Halske AG ernannt. Außerdem war er von 1945 an stellvertretendes und von 1948 an ordentliches Mitglied des Vorstands der Siemens-Schuckertwerke AG.

Aufsichtsratsvorsitzender ab 1956

Im Jahr 1956 wechselte er in den Aufsichtsratsvorsitz beider Stammgesellschaften. 80 Prozent der Firmensubstanz waren im Mai 1945 verloren. Ernst von Siemens trieb den Wiederaufbau des schwer in Mitleidenschaft gezogenen Unternehmens voran. Er erschloss neue Auslandsmärkte und errichtete zahlreiche neue Auslandsniederlassungen. Die Schwerpunktverlagerung nach Bayern trieb er voran und setzte 1949 nach einigen Widerständen durch, dass der Firmensitz der Siemens & Halske AG nach München, der Firmensitz der Siemens-Schuckertwerke AG nach Erlangen verlegt wurde.

Ab 1954 stieg Siemens & Halske in die Datenverarbeitung ein und produzierte Halbleiterbauelemente und erste Computer. Für die Konsumgüterproduktion wurde 1957 die Siemens-Elektrogeräte AG gegründet. Auch das einträgliche Medizintechnikgeschäft baute Ernst von Siemens aus. Im Jahr 1962 erreichten die Siemens-Gesellschaften einen Umsatz von 5,4 Milliarden DM und beschäftigten 240 000 Mitarbeiter. Damit war Siemens zweitgrößter europäischer Elektrokonzern hinter Philipps.

Vereinigte Siemens AG München

Als Aufsichtsratsvorsitzender war Ernst von Siemens die treibende Kraft hinter der tiefgreifenden Umstrukturierung des Konzerns im Jahr 1966. In diesem Jahr wurden die Siemens & Halske AG, die Siemens-Schuckertwerke AG und die Siemens-Reiniger-Werke AG zur Siemens AG mit Sitz in München vereinigt. Die vom Zusammenwachsen der Energie- und Nachrichtentechnik bestimmte Konzentration verbesserte die Position des Unternehmens auf dem Weltmarkt.

Im Jahr 1971 übergab Ernst von Siemens den Aufsichtsratsvorsitz an seinen Neffen Peter von Siemens, übte aber noch bis 1978, bis zum Alter von 75 Jahren, sein Aufsichtsratsmandat aus. Danach wurde er zum »Ehrenvorsitzenden des Aufsichtsrats auf Lebenszeit« ernannt. Neben seiner Tätigkeit im Haus Siemens übernahm Ernst von Siemens zahlreiche weitere Funktionen. So leitete er von 1953 bis 1963 den Aufsichtsrat der Siemens-Tochter Deutsche Grammophon GmbH (1953–63), die ihm als Musikliebhaber besonders am Herzen lag. Auch saß er in den Aufsichtsräten der Allianz-Versicherung AG (1956–72) und der Deutschen Bank AG (1957–72). Viele Jahre lang war er Mitglied des Präsidiums des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Großzügiges Mäzenatentum

Das Vermächtnis des lebenslang unverheirateten Ernst von Siemens sind die von ihm initiierten Stiftungen. 1958 gründete er die nach seinem Vater benannte Carl Friedrich von Siemens Stiftung zu Förderung der Wissenschaften. Am Schloss Nymphenburg erhielt sie ein repräsentatives Domizil für wissenschaftliche Vortragsreihen. Sie vergibt Carl Friedrich von Siemens Fellowships an hervorragende Wissenschaftler, hat eine Stiftungsprofessur an der TU Dresden eingerichtet und stiftete den Heinz-Gumin-Preis für Mathematik.

Aus der klassischen Musik zog Ernst von Siemens die Kraft für schwierige unternehmerische Entscheidungen. Eine langjährige enge Beziehung pflegte er zu dem Dirigenten Herbert von Karajan. 1972 wurde die Ernst von Siemens Musikstiftung ins Leben gerufen, die zwei Jahre später den jährlich vergebenen Ernst von Siemens Musikpreis auslobte. 1983 gründete der Mäzen die Ernst von Siemens Kunststiftung. Sie unterstützt Museen beim Ankauf von Kunstwerken und fördert Kunstausstellungen. Ernst von Siemens hinterließ ihr auch seine eigene Kunstsammlung, zu der Gemälde von Pierre-Auguste Renoir und Claude Monet gehörten. Im Jahr 1985 gründete er das Ernst von Siemens-Stipendium zur Förderung Postgraduierter mit außergewöhnlichen Forschungsleistungen auf den Gebieten der Elektrotechnik, Biotechnik und Informationstechnik.

TUM-Ehrensenator und TUM-Ehrendoktor

Die Technische Hochschule Karlsruhe (1950), die Technische Hochschule München (1952) und die Ludwig-Maximilians-Universität München (1967) verliehen Ernst von Siemens die Ehrensenatorwürde, die Technische Hochschule München außerdem das Ehrendoktorat (1954). Er wurde 1967 zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ernannt, erhielt den Bayerischen Verdienstorden (1959), die Goldmedaille »München leuchtet« (1963) und die Goldene Ehrenmünze der Stadt München (1973).

Jahrzehntelang lebte Ernst von Siemens mit seiner Schwester Ursula auf dem Land in der Nähe des Starnberger Sees. Seinen Lebensabend verbrachte er in einer Dachgeschosswohnung des Hotels Bayerischer Hof in der Münchener Innenstadt, wo er es nicht weit zur Konzernzentrale, zu Theatern und Museen hatte. Am 31. Dezember 1990 starb er in seiner Villa in Starnberg. Der energische und disziplinierte, zugleich nachdenkliche und feinsinnige Unternehmensführer liegt auf dem Friedhof von Eurasburg in der Nähe des Starnberger Sees begraben.

 

1. Zit. nach Katharina von Schlieffen: Mediation und Streitbeteiligung, Verhandlungstechnik und Rhetorik, Berlin 2006, S. 224.