Bedeutender Architekt des 20. Jahrhunderts

Erich Mendelsohn wurde am 21. März 1887 im ostpreußischen Allenstein (polnisch Olsztyn) geboren. Sein Vater war der Kaufmann David Mendelsohn, seine Mutter die Hutmacherin Emma Esther Mendelsohn geb. Jaruslawsky. Die Familie war jüdischen Glaubens. Der junge Erich wuchs mit fünf Geschwistern auf. In Allenstein besuchte er die Volksschule und das humanistische Gymnasium. Auf Drängen des Vaters absolvierte er nach dem Abitur eine Ausbildung als Kaufmann und begann 1906 an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität das Studium der Volkswirtschaftslehre. Doch hing sein Herz an der Kunst. Lange schwankte er, ob er Maler, Bildhauer oder Architekt werden sollte. Schließlich entschied er sich für letzteres Fach.

Schüler von Theodor Fischer

Im Jahr 1908 nahm er an der Technischen Hochschule Berlin das Studium der Architektur auf. Zwei Jahre später wechselte er an die Technische Hochschule München und legte 1912 bei Theodor Fischer die Diplomprüfung ab. Während seines Studiums hatte er Kontakte zu den progressiven Künstlervereinigungen »Die Brücke« und »Blauer Reiter« geknüpft. Paul Klee, Franz Marc und Wassily Kandinsky lernte er persönlich kennen. Er beteiligte sich an expressionistischen Theaterprojekten und wurde Mitglied in der Zionistischen Vereinigung – das Streben nach einem jüdischen Staat in Palästina wurde im deutschen Judentum damals freilich nur von einer kleinen Minderheit unterstützt.

Frühe Bauten

Nach dem Erwerb des Diploms war Mendelsohn als freier Architekt in München tätig. Sein erster Auftrag hatte als Studienprojekt begonnen: der Bau der Jüdischen Leichenhalle (1911–13) in seiner Heimatstadt Allenstein. Im Jahr 1914 übersiedelte Mendelsohn nach Berlin. Dort lernte er die Cellistin Luise Maas kennen und heiratete sie ein Jahr später. Seine Ehefrau kommentierte seine Entwürfe und wurde sein »zweites Auge«. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor.

Von 1915–18 diente Mendelsohn in der Pioniertruppe an der Ost- und Westfront. Wenn es das Kriegsgeschehen zuließ, fertigte er auf kleinen Blättern Entwürfe an. Seine »Skizzen aus dem Schützengraben« wurden 1919 in einer Berliner Galerie gezeigt, es war Mendelsohns erste Ausstellung.

Entwurf und dem Bau des »Einstein-Turms«

Nach der Rückkehr aus dem Krieg eröffnete er ein Architekturbüro in Berlin. Bekannt wurde er mit dem Entwurf und dem Bau des »Einstein-Turms« (1919–22) des Astrophysikalischen Instituts in Potsdam. Mendelsohn führte ihn im expressionistischen Stil und teilweiser Betonbauweise aus. In diesem Bauwerk sollte die Gültigkeit von Einsteins Relativitätstheorie experimentell bestätigt werden.

Ein Meisterwerk war auch die Hutfabrik in Luckenwalde (1920–21). Ihre Pfeiler verjüngten sich kühn nach oben. Über den Hallen waren breite Oberlichter angebracht, die ein Arbeiten bei Tageslicht ermöglichten. Als Hommage an das produzierte Gut führte Mendelsohn die Lüftungsanlage der Färberei in der Form eines Huts aus.

Umbau und Erweiterung des Mosse-Verlagshauses

In den Jahren 1921–23 zeichnete er für den Umbau und die Erweiterung des Berliner Verlagshauses von Rudolf Mosse verantwortlich. Bemerkenswert war der Einbau einer horizontal betonten neuen Eckfassade aus anderen Materialien. Im Jahr 1924 erschien das erste Buch über seine Bauten.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Mendelsohn Mitbegründer der Künstlervereinigung »Novembergruppe«. Auch engagierte er sich im »Arbeitsrat für Kunst«. 1924 gründete er zusammen mit Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius die progressive Architektenvereinigung »Der Ring«.

Großbüro und internationale Bautätigkeit

Der bekannte Architekt beschäftigte nun in seinem Büro bis zu 40 Mitarbeiter. Zwischen 1924 und 1933 baute er zahlreiche Wohn- und Zweckbauten unter anderem in Berlin, Köln, Nürnberg, Stuttgart, Tilsit und Leningrad. Am Berliner Kurfürstendamm realisierte er den WOGA-Komplex (1925–31), wo er zahlreiche städtische Funktionen zusammenfasste. Dieses Gebäudeensemble beherbergte mit dem »Universum-Kino« das erste moderne Lichtspielhaus in Europa.

Diese Werkeinheit wird die große Leistung – das Heiligtum einer neuen Welt – ebenso umfassen wie den geringsten Gegenstand unseres täglichen Hauses.1

Stadtbildprägend war auch das neunstöckige Columbus-Hochhaus am Potsdamer Platz (1930–32). Für den Warenhausbesitzer Salman Schocken errichtete er nicht weniger als sechs Kaufhäuser. Erich Mendelsohn entwickelte einen individuellen dynamischen Stil mit kurvigen Fassaden, horizontaler Betonung und langen Fensterbändern. Inspirieren ließ er sich von der Musik. Seine späteren Werke zeichnen sich durch größere sachliche Straffheit aus.

Studienreise in die USA

Studienreisen führten Mendelsohn in europäische Länder, nach Palästina, in die Sowjetunion sowie in die USA. Dort traf er seinen Lieblingsarchitekten Frank Lloyd Wright. Seine Eindrücke hielt er mit der Fotokamera fest und veröffentlichte sie unter dem Titel »Amerika. Bilderbuch eines Architekten« (1926). Im Jahr 1929 leitete Wright eine Ausstellung über moderne Architektur im New Yorker Art Center, in der auch das Werk von Erich Mendelsohn gewürdigt wurde. Zusammen mit anderen Architekten plante Mendelsohn die Gründung einer Europäischen Mittelmeer-Akademie in Südfrankreich, doch scheiterte das Vorhaben.

Emigration nach England

Aus der Preußischen Akademie der Künste und dem Deutschen Werkbund wurde Mendelsohn 1933 von den Nationalsozialisten ausgeschlossen. Er emigrierte über Amsterdam nach London, wo er ein Architektenbüro eröffnete und später die britische Staatsangehörigkeit annahm. Den Vornamen Erich wandelte er in Eric um. Seine eigenwillig gestaltete Architektenvilla musste er in der Heimat zurücklassen, sein Vermögen wurde beschlagnahmt. Nach Deutschland, in »our tears and Bach country«2, kehrte er nie wieder zurück. Eine Einladung zur Darmstädter Tagung »Mensch und Raum« lehnte er 1951 ab, da er keine NS-belasteten Kollegen treffen wollte.

Mendelsohns Bauten orientierten sich nun stärker am Stil der Neuen Sachlichkeit bzw. am International Style. Der zusammen mit Serge Chermayeff realisierte De-La-Warr-Pavillon (1935) in Bexhill-on-Sea, East Sussex, gilt heute als Ikone der englischen Moderne.

Bautätigkeit in Palästina

Im Jahr 1935 gründete Mendelsohn ein zweites Büro in Jerusalem. Er arbeitete und wohnte in einer früheren arabischen Windmühle in Jerusalem, die er umgebaut hatte. Das Ehepaar pflegte Umgang mit Briten, Juden und Arabern. Vom Aufbau des zionistischen Projekts im britischen Mandat Palästina war Mendelsohn begeistert und strebte in seinem dortigen Bauschaffen eine Synthese aus moderner und antiker Zivilisation, aus Preußentum und dem Ruf des Muezzins an.

Von den zahlreichen, schnell realisierten Gebäuden seiner Kollegen im Stil des Bauhauses hielt er wenig, er bezeichnete sie abwertend als »Bastardgebäude« mit ungenügendem Bezug zur orientalischen Umgebung.

Übersiedlung nach Palästina

In Rehovot durfte er das Privathaus des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und späteren israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann bauen. Am Berg Skopus in Jerusalem erhielt Mendelsohn den Auftrag für den Masterplan der Hebrew University (1935) und das Hadassah-Universitätskrankenhaus (1936–38). Im Jahr 1939 gab er sein Londoner Büro auf und übersiedelte vollständig nach Palästina.

Die englische Mandatsmacht erteilte ihm einige Aufträge, doch mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam der Bauboom in Palästina zum Erliegen. Im Jahr 1941 beschloss Mendelsohn, in die USA auszuwandern – ein Schritt, der ihm später in Israel als unpatriotische Tat übelgenommen wurde. In Amerika konnte er als freier Architekt zunächst nicht Fuß fassen.

Bürogründung in den USA

Er hielt Vorträge und beriet die Regierung. Im Jahr 1943 war er am Bau des »German Village« in der Utah-Wüste beteiligt. An den Nachbauten deutscher Mietskasernen testete die US-Armee den Einsatz von Spreng- und Brandbomben, um die daraus resultierende Schadenswirkung zu beurteilen. Im Jahr 1946 gründete Mendelsohn in San Francisco ein Architektenbüro, ein Jahr später nahm er auch einen Lehrauftrag an der Universität von Berkeley an. Nun baute er vor allem Synagogen. Ein geplantes Denkmal für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus wurde nicht realisiert.

Am 15. September 1953 starb Erich Mendelsohn in San Francisco an Krebs. Seine Ehefrau Luise, die noch bis 1980 lebte, stellte aus seinen zahlreich hinterlassenen Zeichnungen und Briefen ein Archiv ihres Mannes zusammen. Leider sind viele Bauten von Erich Mendelsohn nicht erhalten. So gab die Stadt Stuttgart im Jahr 1960 das bekannte Kaufhaus Schocken (1926–28) trotz internationaler Proteste zum Abriss frei, damit ein modernerer Kaufhausbau errichtet werden konnte.

Gründung einer Erich-Mendelsohn-Stiftung

Im September 2009 wurde in Berlin die Erich-Mendelsohn-Stiftung gegründet, die sich der Erforschung von Leben und Werk des bedeutenden deutsch-jüdischen Architekten widmet.
 

1. Erich Mendelsohn: Das Problem einer Neuen Baukunst. Vortrag im Arbeitsrat für Kunst, Berlin 1919, S. 52.

2. Erich Mendelsohn an Oskar Beyer, Jerusalem, 30.4.1935, zit. nach Eric Mendelsohn: Letters of an architect, London/New York/Toronto 1967, S. 141.