Unternehmensleitung um 1900

Carl Friedrich von Siemens wurde am 5. September 1872 in Berlin-Charlottenburg als jüngster Sohn von Werner von Siemens, dem Gründer des Elektrounternehmens Siemens & Halske, und seiner zweiten Ehefrau Antonie Siemens geboren. Zeit seines Lebens war er eher Praktiker als Theoretiker. Die Reifeprüfung bestand er nicht und wiederholte sie auch nicht. In den Jahren 1893/94 leistete er seinen Militärdienst beim Ulanenregiment Straßburg ab. Auch immatrikulierte er sich ohne Abiturzeugnis an der Universität Straßburg und belegte einzelne Vorlesungen in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften. Im Wintersemester 1894/95 war er an der Technischen Hochschule München eingeschrieben, im Sommersemester 1895 an der Technischen Hochschule Berlin.

Karriere ohne akademischen Abschluss

Ohne akademischen Abschluss ging er im Herbst 1895 nach London und unternahm Studienreisen nach Frankreich und Nordamerika. 1899 trat er in Berlin in die Siemens & Halske A. G. ein und durchlief eine Stammhauslehre. Vier Jahre zuvor hatte er erstmals in London geheiratet, doch hielt die Ehe nur kurze Zeit. Zu seiner zweiten Frau nahm er 1898 in Berlin Auguste Bötzow, die Tochter eines Brauereibesitzers. Aus der 1923 geschiedenen Ehe gingen der Sohn Ernst und die Tochter Ursula hervor. Im Jahr 1929 heiratete er in dritter Ehe Margarete Heck, die Tochter des Berliner Zoodirektors.

Im Haus Siemens war es üblich, dass Familienmitglieder im Ausland Erfahrungen sammelten, bevor sie in Deutschland höhere Positionen übernahmen. Carl Friedrich wurde 1901 zur Tochterfirma Siemens Brothers nach England geschickt und stieg dort 1906 zum Managing Director der Siemens Brothers Dynamo Works Ltd. in Stafford auf. Im Anschluss an eine Ostasienreise übernahm er 1908 in Berlin die Leitung der neu gegründeten zentralen Exportabteilung. Sie betreute alle Siemens-Gesellschaften. Seit 1904 war er Aufsichtsratsmitglied der Siemens & Halske A. G., ab 1909 auch Vorstandsmitglied dieses Unternehmens.

Im Jahr 1912 übernahm er den Vorstandsvorsitz der Starkstromgesellschaft Siemens-Schuckertwerke G. m. b. H. in Erlangen.
Nach englischem Vorbild ließ sich Carl Friedrich von Siemens 1909/10 in abgeschiedener Lage am Lehnitzsee bei Potsdam den repräsentativen Herrensitz »Heinenhof« errichten. Hier empfing er auch Staatsoberhäupter, Wirtschaftsdelegationen und 400 Teilnehmer der 1930 in Berlin tagenden Zweiten Weltkraftkonferenz. Seine besondere Fürsorge galt den Tieren, so erhielt der Heinenhof eine Hühnerfarm, Pferdeställe, ein Wildgehege, ein Schildkrötenvivarium und einen Hundefriedhof.

Aufsichtsratsvorsitzender des Siemens-Konzerns

Nach dem Tod seiner älteren Brüder Arnold und Wilhelm wurde Carl Friedrich 1919 zum Aufsichtsratsvorsitzenden beider Stammgesellschaften ernannt. Er übernahm dieses Amt in einer schwierigen Situation: Aufgrund der deutschen Niederlage hatte Siemens einen Großteil seines ausländischen Besitzes und seiner Auslandspatente verloren. Politische Unsicherheit, heftige Arbeitskämpfe und die eskalierende Inflation legten dem Wiederaufbau große Hindernisse in den Weg. Erfolgreich kurbelte Carl Friedrich von Siemens das Auslandsgeschäft an und förderte die Rationalisierung der Siemens-Gesellschaften. So wurde in den 1920er Jahren die Fließbandarbeit eingeführt. Zur Mitte des Jahrzehnts gehörte der Elektrokonzern wieder zu den fünf weltweit größten. Insbesondere in der Telefonie konnte Siemens & Halske auf eine weltweite technische Führungsposition bauen. Diese wurde durch Kartellverträge mit internationalen Wettbewerbern abgesichert. Es gelang Carl Friedrich von Siemens, Anleihen auf dem internationalen Markt zu sichern, um die notwendige Kapitalzufuhr sicherzustellen.

»[D]ie größte Kunst des Leiters eines großen Unternehmens scheint mir darin zu liegen, in seinen Mitarbeitern einen gemeinsamen Geist zu erziehen […]“1

Carl Friedrich von Siemens war sozialpolitisch aufgeschlossen und suchte die Einigung mit den Arbeitnehmervertretern. Im November 1918 handelte er zusammen mit anderen Industriellen und den Gewerkschaftsführern das »Arbeitsgemeinschafts-Abkommen« aus. Es erkannte die Gewerkschaften und das Koalitionsrecht an, führte Tarifverträge und den Acht-Stunden-Tag ein. Anstelle eines repressiven Führungsstils setzte er im Hause Siemens auf ein kooperatives Betriebskonzept. Im November 1920 unterzeichneten die Vorstände und Betriebsräte eine Betriebsvereinbarung. Im Vorjahr hatte er eine »Sozialpolitische Abteilung« eingerichtet, die sich um Altersversorgung, sozialen Wohnungsbau und Erholungsheime kümmerte. 1927 konnte die Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter wieder eingeführt werden.

»Nur die Elektrotechnik, aber die ganze Elektrotechnik«

Gemäß seinem Motto »Nur die Elektrotechnik, aber die ganze Elektrotechnik« deckten die Siemens-Gesellschaften die gesamte Produktpalette der Branche von der Nachrichtentechnik bis zur Energietechnik ab, ein entscheidender Vorteil gegenüber allen weltweiten Konkurrenten. »Vom Heizkissen bis zu elektrischen Schiffsausrüstungen, vom Rundfunksender bis zum Rundfunkempfänger, vom Röntgenapparat bis zum Elektronenmikroskop, von der Eisenbahn-Signaltechnik bis zum Großkraftwerk gab es auf dem Gebiet der Elektrotechnik wohl nichts, was Siemens nicht herstellte« , so der Historiker Gerhard Fischer.

Dabei setzte Carl Friedrich von Siemens auf Dezentralisierung: Tochterunternehmen und Beteiligungsgesellschaften wurden ausgegliedert und blieben rechtlich selbständig. Unter dem Dach des gemeinsamen »Hauses Siemens« arbeiteten sie wirtschaftlich, organisatorisch und technisch eng zusammen. Als Aufsichtsratsvorsitzender sorgte Carl Friedrich von Siemens für eine gemeinsame Unternehmens- und Finanzpolitik. Mit einer einheitlichen Unternehmensidentität und identitätsstiftenden Veranstaltungen wie der jährlichen Gründungsfeier sollte das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt werden. Peter von Siemens lobte rückblickend die »gemeinschaftsbildende Kraft«, die von seinem Onkel ausgegangen sei.

Neue Tochterunternehmen und Beteiligungsgesellschaften

Im Jahr 1919 wurde zusammen mit der A. E. G. und der Auergesellschaft der Glühlampenhersteller Osram G. m. b. H. K. G. gegründet. Ursprünglich zur Weiterentwicklung der Wehrtechnik entstand 1920 die Gesellschaft für elektrische Apparate m. b. H. (späterer Name: Siemens Apparate und Maschinen G. m. b. H.). Aus der Elektrischen Bahnabteilung der Siemens & Halske A. G. ging 1921 die Siemens Bauunion G. m. b. H. K. G. hervor. Die Medizintechnik wurde 1925 in der Siemens-Reiniger-Veifa Gesellschaft für medizinische Technik mbH zusammengefasst. Drei Jahre später wurden die Siemens-Planiawerke A. G. zur Herstellung von amorphen Elektroden, Beleuchtungskohlen und Graphitelektroden gegründet, außerdem die Klangfilm G. m. b. H. gemeinsam mit der A. E. G.. Nach Übernahme einer Eisenbahnsignal-Bauanstalt entstand 1928 die Vereinigte Eisenbahn-Signalwerke G. m. b. H..

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gelang Carl Friedrich von Siemens die Übernahme aller Aktien der Siemens-Schuckertwerke A. G., was er als »Krönung seines Lebens« bezeichnete. Damit war die Einheit des Elektrokonzerns gesichert. Von branchenfremden bzw. erfolglosen Unternehmungen trennte er sich. 1927 wurde die Automobilfirma Protos G. m. b. H. an die Nationale Automobil-Gesellschaft (N. A. G.) abgegeben, 1936 verselbständigte er das Flugmotorenwerk der Siemens Apparate & Maschinen G. m. b. H. unter der Bezeichnung Brandenburgische Motorenwerke G. m. b. H. (Bramo) und verkaufte es an das Deutsche Reich.

Menschenorientierte Führung

Carl Friedrich von Siemens führte nicht von oben herab, sondern setzte sich mit seinen Mitarbeitern auseinander und bevorzugte das offene Wort: »Ich schätze nur denjenigen, der wirklich seine Meinung offen und klar sagt. Über den kann ich mir auch ein Urteil bilden. Das ist ein Mensch, der denkt.« Gerühmt wurde das Einfühlungsvermögen, mit dem er sich in die Lage von Mitarbeitern hineinversetzen konnte.

Um die Interessen der Volkswirtschaft in der Politik zu vertreten, betätigte sich Carl Friedrich von Siemens als Abgeordneter. Für die liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) saß er von 1920 bis 1924 in der Nachfolge von Friedrich Naumann als gewählter Vertreter des Wahlkreises 2 (Berlin) im Reichstag. Im Dezember 1918 initiierte er zur Parteienfinanzierung das Kuratorium für den Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftslebens.

Zahlreiche Ämter

In der Weimarer Republik war er eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und übernahm zahlreiche Ämter. So amtierte er von 1920 bis 1934 als Vorsitzender des Stifterverbands der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft (späterer Name: Deutsche Forschungsgemeinschaft). Von 1924 bis 1934 hatte er den Vorsitz des Verwaltungsrats der Deutschen Reichsbahn inne. 1927 leitete er die deutsche Abordnung auf der Genfer Weltwirtschaftskonferenz. Er war Vorsitzender des Zentralverbands der Deutschen Elektrotechnischen Industrie (1918–33), Mitglied des Reichswirtschaftsrats (1920–33), Präsidiumsmitglied des Reichsverbands der Deutschen Industrie (1919–1935) und Vorsitzender des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit (1921–1934). Leitende Positionen übernahm er in der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeber-Verbände und im Verband Berliner Metallindustrieller. Außerdem war er Mitglied zahlreicher Aufsichtsräte.

Distanz zum NS-Regime

Mit seiner liberalen Einstellung war er ein Gegner der Nationalsozialisten. Im November 1932 weigerte er sich, die von 19 Vertretern der Industrie, der Finanzwirtschaft und der Landwirtschaft unterzeichnete Eingabe an Reichspräsident Paul von Hindenburg zu unterstützen, die die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler bezweckte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten legte er alle Ämter außerhalb des Siemens-Konzerns nieder. Einzige Konzessionen waren die Mitgliedschaft in den 1933 gegründeten Gremien Generalrat der Wirtschaft und Akademie für Deutsches Recht. Im März dieses Jahres scheiterte ein zusammen mit Gustav Krupp unternommener Vorstoß von Carl Friedrich von Siemens, das autonome Weimarer Arbeitsrecht zu wahren. Bei seiner Beerdigung im Jahr 1941 erschienen keine nationalsozialistischen Politiker und Funktionäre, und die Trauerreden durften nicht weitergeben werden.

Die Gefährlichkeit der NS-Bewegung hatte Carl Friedrich von Siemens freilich unterschätzt. Bei einer Rede auf Einladung der General Electric Company am 27. Oktober 1931 in New York distanzierte er sich zwar von der NSDAP, billigte der Partei aber nationalen Idealismus zu und bezeichnete das »Hitlertum als das kleinere Übel gegenüber dem Kommunismus« . 1933 hielt er die nationalsozialistische Regierung lediglich für ein Übergangsphänomen. Im Dritten Reich profitierte das Unternehmen von der Rüstungskonjunktur und stieg bis zum Zweiten Weltkrieg mit 187 000 Mitarbeitern zum größten Elektrokonzern der Welt auf.

Zahlreiche Auszeichnungen

Die Technische Hochschule München (1921) und die Universität Halle (1927) verliehen Carl Friedrich von Siemens Ehrendoktorwürden, die Technische Hochschule München (1930) und die Technische Hochschule Karlsruhe (1930) die Ehrensenatorwürde. Die Städte Karlsruhe (1921) und Darmstadt (1922) ernannten ihn zu ihrem Ehrenbürger. Unter seinen vielen Auszeichnungen seien die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Technische Physik (1924), die Senatoren würde der Deutschen Akademie München (1925) und der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (1926) sowie die Gauß- und Weber-Denkmünze der Universität Göttingen beispielhaft angeführt. Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina wählte ihn 1926 zu ihrem Mitglied.

Carl Friedrich von Siemens starb am 9. Juli 1941 im Alter von 69 Jahren auf seinem Landsitz Heinenhof bei Potsdam und wurde im Familiengrab auf dem Friedhof Stahnsdorf beigesetzt. Die Aufsichtsratsvorsitze der Stammgesellschaften übernahm sein Neffe Hermann von Siemens. Sein Sohn Ernst von Siemens gründete 1958 in München die Carl Friedrich von Siemens Stiftung, die Wissenschaftsförderung betreibt. Seinen Namen trägt auch das Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasium in Berlin-Siemensstadt.

 

1. Zit. nach Günter Schmölders: Carl Friedrich v. Siemens. Vom Leitbild des großindustriellen Unternehmers. Festrede, gehalten in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München-Nymphenburg am 23. Oktober 1972, München 1972, S. 21.