Diplom-Landwirt und Reichsminister

Anton Fehr wurde am 24. Dezember 1881 in Lindenberg im Allgäu geboren. Sein Vater Josef war Hutfabrikant und Bürgermeister, seine Mutter Walburga die Tochter eines Gutsbesitzers. Sie starb, als Anton Fehr zwei Jahre alt war. Erzogen wurde das Weihnachtskind von Magdalena Ott, der vierten Ehefrau seines Vaters. Nach der Volksschule besuchte Fehr das Humanistische Gymnasium in Kempten und erwarb die Mittlere Reife. Er absolvierte ein Praktikum bei verschiedenen Molkereien, dann besuchte er ein Semester lang die Akademie für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan.

Agrarstudium an der TH München

Schließlich studierte er von 1901 bis zum Diplom 1904 an der Landwirtschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule München, die damals noch in München angesiedelt war. Hier trat er in die Landsmannschaft Guestphalia (heute Corps Suevo-Guestphalia) ein. In seine Aktivenzeit fiel die Umwandlung der Landsmannschaft in ein Corps an der Technischen Hochschule München, 1905 wurde es als erstes in München im Weinheimer Senioren-Convent (WSC) aufgenommen. Ein Corpsbruder von Fehr war der spätere Flugzeugkonstrukteur Claude Dornier, der 1903 das Studium des Maschineningenieurwesens an der TH München aufnahm.

Nach dem Diplom mit der Note 1,74 war Fehr 1904/05 Wissenschaftlicher Assistent bei seinem Lehrer Professor Theodor Henkel am Königlichen Milchwirtschaftlichen Institut in Weihenstephan. Danach ging er als »Akademischer Wanderlehrer« des Milchwirtschaftlichen Vereins in seine Allgäuer Heimat, um sich die Mittel für eine Eheschließung zu verdienen. Im Jahr 1907 heiratete er Elsbeth Gerhardt, die Tochter eines Forstmeisters. Von den vier Kindern fielen zwei im Ersten Weltkrieg.

Im Jahr 1909 wurde Fehr Kreisinspektor für Milchwirtschaft in Oberbayern. 1917, im vorletzten Kriegsjahr, wurde er an die noch selbständige Königlich-Bayerische Akademie für Landwirtschaft und Brauerei in Weihenstephan (ab 1920 Akademie für Landwirtschaft und Brauerei, 1930 eingegliedert in die TH München) als Lehrer für Milchwirtschaft berufen und bekleidete dort von 1919 bis 1935 eine ordentliche Professur. Damit verbunden war auch die Leitung der Molkereischule. Neben seiner Lehrtätigkeit wurde Fehr zum Verantwortlichen für die Bewirtschaftung von Milcherzeugnissen und Speisefetten in Bayern ernannt.

Initiierung einer Versuchs- und Forschungsanstalt

Im Jahr 1923 initiierte Fehr in Weihenstephan die international bekannt gewordene Süddeutsche Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, in deren Vorstand er aktiv mitarbeitete. Außerdem gründete er den Milchwirtschaftslandesverband Bayern, dessen Vorsitz er 1921 übernahm. Stets war er dem technischen Fortschritt gegenüber aufgeschlossen und suchte ihn der deutschen Milchwirtschaft nutzbar zu machen. Im Jahr 1927 wurde Fehr der erste Doktortitel verliehen, den seine Fakultät nach Verleihung des Promotionsrechts vergeben konnte.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann Fehr, sich politisch zu betätigen. Er schloss sich dem föderalistischen, antifeudalen und antiklerikalen Bayerischen Bauernbund an. Später firmierte dieser unter dem Namen Bayerischer Bauern- und Mittelstandsbund, dann Deutsche Bauernpartei. Von Juni 1920 bis November 1933 war Fehr Reichstagsabgeordneter und zeitweise Fraktionsvorsitzender der Wirtschaftlichen Vereinigung.

Bayerischer und deutscher Landwirtschaftsminister

Von März bis November 1922 bekleidete er das Amt des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft, danach von Juni 1924 bis zum Juli 1930 das Amt des bayerischen Landwirtschaftsministers (1928–30 erweitert um das Ressort Arbeit). Unter schwersten Bedingungen stellte er in der Inflationszeit als Reichsminister die Ernährung des deutschen Volkes sicher. Er unterstützte die Umwandlung der vom preußischen Staat 1922 übernommenen Milchwirtschaftlichen Versuchsstation Kiel in die Preußische Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft (heute Bundesanstalt für Milchforschung).

»Verbundenheit mit der heimischen Scholle und […] Treue zum deutschen Bauerntum«
 
Reichsminister a. D. Andreas Hermes über Anton Fehr 1

Während seiner Amtszeit als bayerischer Landwirtschaftsminister widmete er sich insbesondere dem Wiederaufbau der inflationsgeschädigten Landestierzucht sowie dem Ausbau des Milchwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungswesens. Er war auch Bevollmächtigter Bayerns beim Reichsrat. Im Jahr 1930 wirkte er maßgeblich am Reichsmilchgesetz mit. Zum ersten Mal wurde damit im Deutschen Reich eine Marktordnung etabliert. Bei der 1927 etablierten Interessensorganisation Deutsche Bauernschaft war Fehr Mitgründer und Vorsitzender. 1931 wurde er zum 1. Vorsitzenden des Deutschen Milchwirtschaftlichen Reichsverbandes gewählt. Als Delegationsführer setzte er sich bei den Weltmilchkongressen für die deutschen Belange ein.

Fehr zählte zu den führenden Persönlichkeiten seiner Partei. Da im Bayerischen Landtag die größte Partei, die Bayerische Volkspartei (BVP), auf Koalitionspartner angewiesen war, konnte Fehr auf die bayerische Politik der 1920er Jahre gewichtigen Einfluss nehmen. Legendär waren seine schlagfertigen und fachkundigen Rededuelle mit dem BVP-Politiker und Bauernvereinsführer Dr. Georg Heim. Gerühmt wurde Fehrs sachliche und ausgleichende Art, die ihn zu vielen Erfolgen führte. Vor der letzten einigermaßen freien Reichstagswahl im März 1933 bildete Fehr mit seiner Deutschen Bauernpartei, der Deutschen Volkspartei und dem Christlich-sozialen Volksdienst einen Christlich-nationalen Wahlblock.

Freundschaft mit James Lewis Kraft

Mit dem US-amerikanischen Lebensmittelunternehmer James Lewis Kraft verband ihn eine enge Freundschaft. Der deutschstämmige Kraft war Bauernsohn wie Fehr und baute den drittgrößten Lebensmittelkonzern der Welt auf. Der von ihm erfundene Schmelzkäse beinhaltete die Wert- und Aufbaustoffe frischer Milch. Sein erstes deutsches Werk eröffnete Kraft Foods 1934 in Lindenberg, dem Geburtsort von Fehr, der sich dem Unternehmen als Beirats- bzw. Aufsichtsratsvorsitzender zur Verfügung stellte.

Neben seiner politischen Tätigkeit, seinem Lehrauftrag und seinen zahlreichen Ehrenämtern führte Fehr auch einen kleinen Bauernhof mit Brennerei und Imkerei in seiner Allgäuer Heimat. Hierhin zog er sich zurück, als er nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zunehmend Anfeindungen ausgesetzt war. Der 1933 erfolgte Eintritt in die NSDAP und die vorübergehende Hospitanz bei der nationalsozialistischen Reichstagsfraktion konnten ihn nicht schützen. Bereits 1929 hatte das NS-Hetzblatt »Der Stürmer« eine Kampagne gegen Fehr wegen angeblicher Bestechung initiiert, den Vorwurf aber nicht beweisen können. Nun wiederholten sich die Anschuldigungen, doch Fehr konnte sich mit rechtlichen Mitteln nicht mehr dagegen wehren. Im Oktober 1935 wurde er nach einem Disziplinarverfahren als Professor der TH München und Leiter des Milchwirtschaftlichen Instituts in Weihenstephan zwangspensioniert. Im Mai 1936 musste er auch den Vorsitz des Deutschen Milchwirtschaftlichen Reichsverbands niederlegen.

Gestapo- und KZ-Haft

Fehr verhielt sich politisch unauffällig, pflegte jedoch enge Kontakte zum konservativen Widerstandskreis um Franz Sperr, Eduard Hamm und Otto Geßler. Ohne dass er davon wusste, stand sein Name auf einer Liste von Carl Goerdeler als Kandidat für politische Ämter nach dem Umsturz. Zwei Tage nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er zusammen mit dem früheren Reichswehrminister Geßler und dem ehemaligen Reichsernährungsminister Dr. Andreas Hermes von der Geheimen Staatspolizei verhaftet, in die Gestapo-Zentrale in Berlin und bald darauf in das KZ Ravensbrück überstellt.

Fehr galt den Machthabern schon länger als politisch unzuverlässig, zudem schien verdächtig, dass sich die drei Persönlichkeiten bei der Kirschenernte in Achberg getroffen hatten. Eine aktive Beteiligung an der Verschwörung konnte Fehr aber nicht nachgewiesen werden. Er hatte Glück, dass er im Unterschied zu anderen Leidensgenossen nicht gefoltert wurde. Schließlich wurde Fehr am 13. September 1944 aus der Haft entlassen.

Tatkräftige Unterstützung des Wiederaufbaus

Nach Kriegsende durfte er auf seinen Lehrstuhl an der TH München in Weihenstephan zurückkehren. Bis 1950 lehrte er und leitete die Süddeutsche Versuchs- und Forschungsanstalt. Auch übernahm er wieder zahlreiche Ehrenämter. So wurde er Berater von Bundeslandwirtschaftsminister Wilhelm Niklas (seinem früheren Mitarbeiter), Beauftragter des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums für die Neuordnung der Milchwirtschaft in Bayern und im Allgäu, Mitgründer und 3. Vorsitzender des Bayerischen Bauernverbandes, Vorsitzender des Milchwirtschaftlichen Vereins im Allgäu und Herausgeber der Süddeutschen Molkereizeitung. Im Allgäu setzte er 1946 ein mehrjähriges »Stillhalteabkommen« durch, das einem Wechsel und einer Änderung in der Betriebsform hohe Hürden auferlegte. Damit konnte die Allgäuer Milchwirtschaft in den schwierigen Jahren bis zur Währungsreform ohne wesentliche strukturelle Einbußen überleben.

Fehr wirkte nach 1945 bei der Wiedergründung milchwirtschaftlicher Organisationen mit und regte deren Zusammenfassung im Verband der deutschen Milchwirtschaft an, an dessen Spitze er berufen wurde. Auch knüpfte er Kontakte zum Milchwirtschaftlichen Weltverband, wo seinem Namen hoher Respekt gezollt wurde.

Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft widmete ihm anlässlich seines 70. Geburtstags im Jahr 1951 eine Festschrift und stiftete die mit seinem Bildnis versehene Anton-Fehr-Medaille für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Milchwirtschaft. Im Folgejahr wurde Fehr mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Fehr starb am 2. April 1954 in Lindenberg im Allgäu an einer Herzmuskelerkrankung. Drei Jahre zuvor hatte seine Heimatstadt den »Milch-Papst« zum Ehrenbürger ernannt. Straßen in Kempten und Lindenberg sowie die Milchwirtschaftliche Lehranstalt in Weiler sind nach Anton Fehr benannt.

 

1. Andreas Hermes: Zum 70. Geburtstag des Herrn Reichs- und Staatsministers a. D., o. Prof. em. Dr. Anton Fehr. In: Probleme neuzeitlicher Milchwirtschaft. Festschrift für o. Prof. em. Dr. Anton Fehr Reichs- und Staatsminister a. D. zum 70. Geburtstag 24. Dezember 1951, Weihenstephan 1951, S. 8.