TUM Emeritus of Excellence Winfried Nerdinger

„Wir müssen uns der Geschichte stellen“

Seit 1988 hat Professor und TUM Alumnus Winfried Nerdinger immer wieder gefordert, dass sich auch München kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen müsse. Über ein Vierteljahrhundert später hat er als Gründungsdirektor das NS-Dokumentationszentrum eröffnet.

Schon nach wenigen Semestern merkte der Student Winfried Nerdinger, dass ihn am Architekturstudium vor allem die historischen Fächer interessierten: „Eigentlich begann ich das Studium, um Architekt zu werden, also um zu entwerfen und zu bauen“, erinnert er sich. Aber es waren die Analysen von Kunstwerken und Bauten der Professoren Schmoll und Gruben, die ihn faszinierten. „Bald verbrachte ich fast so viel Zeit mit Kunstgeschichte wie mit den Entwürfen.“ Die Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft und Assistent am Institut für Kunstgeschichte und seine Dissertation über den Bildhauer Rudolf Belling waren dann die Weichen zur historischen Forschung.

Das Architekturmuseum der TUM

Und der Architekturhistoriker Nerdinger hat einiges bewegt und seine eigenen Spuren an der TUM und in seinem Heimatland Bayern hinterlassen. Für ihn wurde die Professur für Architekturgeschichte an der TUM eingerichtet, als er einen Ruf von der McGill University in Montreal erhalten hatte, und im Rahmen seiner Tätigkeit als Extraordinarius an der Fakultät für Architektur baute er das Architekturmuseum der TUM auf, das 2002 in der Pinakothek der Moderne eröffnet wurde: „Der Bestand der Architektursammlung der Universität befand sich damals noch in einem Abstellraum über der Bibliothek und in einer angemieteten Wohnung an der Augustenstraße“, erzählt er. „Ich begann, Modelle und Pläne zu sammeln und Ausstellungen zu erarbeiten. Daraus entstand dann das Architekturmuseum.“

München hat die Verpflichtung, sich seiner NS-Geschichte zu stellen.

Kurz vor seiner Pensionierung öffnete sich mit der Übernahme der Gründungsdirektion des NS-Dokumentationszentrums München ein neues Betätigungsfeld für den leidenschaftlichen Historiker. „Als in Berlin und Nürnberg NS-Dokumentationszentren entstanden, habe ich immer wieder gefordert, dass auch in München, der ehemaligen ‚Hauptstadt der Bewegung‘, ein Ort der kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geschaffen werden müsse.“

Das NS-Dokumentationszentrum München.

Im Jubiläumsjahr der TUM widmete sich das NS-Dokumentationszentrum München in einer Sonderausstellung der Geschichte der TUM im Nationalsozialismus (Foto: Jens Weber).

Für Nerdinger war das Thema Nationalsozialismus eines, das fast jeden Tag präsent war. Er stammt aus einer sozialdemokratischen Familie, sein Vater war aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Schon lange hatte ihn gestört, dass es in München nirgendwo im öffentlichen Raum Hinweise darauf gegeben habe, dass der Nationalsozialismus in dieser Stadt entstanden und Hitler hier mit Hilfe vieler Personen und Institutionen groß geworden sei.

Das NS-Dokumentationszentrum München

„München hatte meiner Auffassung nach ganz einfach die Verpflichtung, sich dieser Geschichte zu stellen und einen Ort zu schaffen, an dem alle Bürgerinnen und Bürger und auch zukünftige Generationen Aufklärung über die NS-Zeit finden und aus der Geschichte lernen können.“ Es dauerte mehr als 25 Jahre und es gab „endlose Mühen und Auseinandersetzungen“, bis der Neubau am Königsplatz im Mai 2015 eröffnet wurde – nach dem Architekturmuseum der TUM eine weitere und vielleicht die größte Spur, die Winfried Nerdinger in München hinterlassen hat: „Dass ich direkt nach meiner Hochschultätigkeit das Dokumentationszentrum konzipieren und zur Eröffnung führen konnte, war zeitlich ein glücklicher Zufall, inhaltlich die konsequente Folge langjähriger Bemühungen.“

Winfried Nerdinger wurde vielfach für sein Engagement ausgezeichnet: Er wurde zum TUM Emeritus of Excellence ernannt und u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. In seiner letzten Ausstellung, die er für NS-Dokumentationszentrum kuratierte, verbanden sich sein Wirken für das Münchner NS-Dokumentationszentrum und für die TUM, seine Alma Mater. Anlässlich des 150-jährigen Gründungsjubiläums der TUM dokumentierte die Sonderausstellung unter dem Titel „Die Technische Hochschule München im Nationalsozialismus“ anhand einer Fülle von bislang unbekanntem Material die personellen, ideologischen und institutionellen Veränderungen der Hochschule während der NS-Zeit. Der Ausstellungskatalog ist bei der TUM.University Press erschienen.