Ministerialdirigent a.D. Wolfram Ruhenstroth-Bauer

„Menschen zu helfen war meine Motivation“

Fast vierzig Jahre lang setzte sich TUM Alumnus Wolfram Ruhenstroth-Bauer für die Flüchtlings- und Entwicklungshilfe ein. Sein Engagement ging weit über jegliche Beamtenpflicht hinaus und wurde hoch dekoriert. Er selbst sah darin schlichtweg Menschlichkeit am Werk.

Als Dr. Wolfram Ruhenstroth-Bauer 1945 aus der englischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, war für den jungen Fallschirmjäger nicht nur der Krieg endlich vorbei, sondern auch die sudetendeutsche Heimat verloren. Seine Mutter war beim russischen Einmarsch ums Leben gekommen, der Vater, ein Altphilologe, war interniert. Eine Rückkehr in seine mährisch-schlesische Heimatstadt Troppau war nicht mehr möglich. Er folgte seinem älteren Bruder nach München.

Schon als Fünfzehnjähriger war Wolfram Ruhenstroth-Bauer Schüler an der Höheren Landwirtschaftsschule Troppau, die er 1942 mit dem Fachabitur abschloss. Nach Kriegsende 1945 war er der jüngste Student an der landwirtschaftlichen Fakultät der TUM. 1948 absolvierte er hier sein Diplom.

Lohnende Beharrlichkeit

Da er am eigenen Leib erfahren hatte, wie es sich anfühlt, entwurzelt und auf Hilfe angewiesen zu sein, beschäftigte sich Wolfram Ruhenstroth-Bauer schon in der Studienzeit mit der Problematik der Heimatvertriebenen und insbesondere der Flüchtlingsbauern. Dass dies einmal seine Lebensaufgabe werden sollte, die ihn in Verbindung mit der politischen Elite bringen und ihm hohe Anerkennung einbringen sollte, vermutete Wolfram Ruhenstroth-Bauer damals noch nicht.

In der neu gegründeten Agrarsozialen Gesellschaft, deren Sitz die Universität Göttingen war, lernte er Fachleute hohen Grades kennen, die sich dem Problemkreis der aus Ost- und Südost-Europa geflüchteten Bauernfamilien widmeten. Insbesondere auch die Begegnung mit Theodor Oberländer, dem damaligen Staatssekretär für das Flüchtlingswesen im Bayerischen Staatsministerium des Inneren, sollte den Werdegang des jungen TUM Studenten entscheidend beeinflussen.

Man muss schon dranbleiben, wenn man etwas bewirken will.

Mehrfach legte Wolfram Ruhenstroth-Bauer Lösungsansätze und Konzepte zur Förderung der Eingliederung von Flüchtlingsbauern in der westdeutschen Agrarwirtschaft Staatssekretär Theodor Oberländer vor, der schließlich Wolfram Ruhenstroth-Bauer, in der Zwischenzeit diplomierter Agrarfachmann, diese schwierige Aufgabe auch formal übertrug. Innerhalb des bayerischen Staatssekretariats war damit die Eingliederung von Flüchtlingsbauern eine Aufgabe mit allen fachlichen und haushaltsrechtlichen Konsequenzen geworden. „Man muss schon dranbleiben, wenn man etwas bewirken will“, sagt Wolfram Ruhenstroth-Bauer bestimmt.

Wolfram Ruhenstroth-Bauer mit Königin Silvia von Schweden auf dem Festspielball.

Im Laufe seiner Karriere traf Wolfram Ruhenstroth-Bauer viele prominente Persönlichkeiten. Das Foto mit Königin Silvia von Schweden entstand am 1. Juli 1989 beim Festspielball zur Eröffnung der Münchner Festspiele im Münchner Herkulessaal. Königin Silvia war der Ehrengast. Wolfram Ruhenstroth-Bauer war stellvertretender Vorsitzender des Festspielball-Vereins (Foto: Foto-Richter Bernau/Chiemsee).

Mehr als ein Beamter

Rasch wurde Theodor Oberländer bewusst, dass er sich nicht nur einen ausgesprochen klugen und fachlich versierten Kopf in das Haus geholt hatte. Er hatte obendrein einen Mitarbeiter eingestellt, der höchst motiviert war und dessen erfolgsorientiertes Handeln weit jenseits gewohnter Beamtenmentalität und karrierepolitischem Kalkül rangierte. Wolfram Ruhenstroth-Bauer war von einer grundlegenden humanitären Überzeugung geleitet, die das große Ganze ebenso wie das Einzelschicksal im Blick hatte. Aus seiner zutiefst empfundenen Mitmenschlichkeit erwuchsen dem jungen Staatsbeamten eine stets geachtete, bisweilen gefürchtete Entschlossenheit, Durchsetzungsfähigkeit und Überzeugungskraft. Erbittertem Widerstand musste er standhalten, um selbst aussichtslose Projekte zum Erfolg zu führen.

Nach seinem Wechsel aus der bayerischen Verwaltung in die Bundesregierung – Theodor Oberländer war inzwischen Bundesminister geworden – war für Wolfram Ruhenstroth-Bauer der Zeitpunkt seines höchsten persönlichen Einsatzes gekommen. Er organisierte einen Ostdeutschen Bauerntag mit mehreren tausend Teilnehmenden und gewann mit Hilfe von Theodor Oberländer Bundeskanzler Konrad Adenauer zu einer programmatischen Rede, in der er die Finanzierung als Voraussetzung einer Realisierung eines Fünfjahresprogramms zur Existenzsicherung von etwa 10.000 Flüchtlingsfamilien zusagte. Bei der westlichen Weltpresse wurde diese Erklärung des deutschen Bundeskanzlers als entscheidender Schritt gegen die sovietischen Bemühungen kommentiert, Westdeutschland politisch zu annektieren. Kein Mensch in Bonn oder andernorts ahnte den Hintergrund dieser von Wolfram Ruhenstroth-Bauer konzipierten Regierungserklärung, auf dessen Grundlage das hohe Ziel der Mitmenschlichkeit konsequent umgesetzt wurde.

Nach Ablauf der Eingliederungspläne wechselte Wolfram Ruhenstroth-Bauer in das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, von dem aus er wieder ein international hochgelobtes Projekt in einer in Südbrasilien liegenden landwirtschaftlichen Genossenschaft bei donauschwäbischen Flüchtlingen aus Jugoslawien zum Erfolg brachte. Die in Fachkreisen bekannte Genossenschaft AGRARIA in Paraná ist heute die zweitgrößte landwirtschaftliche Genossenschaft ganz Brasiliens. Bei diesem wie in zahlreichen anderen Entwicklungsprojekten kam der erste Anstoß und erste materielle Hilfe von Wolfram Ruhenstroth-Bauer, in der Regel selbstverständlich im Rahmen der entwicklungspolitischen Gesamtplanung der Bundesregierung.

Lebenslange Einsatzfreude

Für seinen beispiellosen persönlichen Einsatz für menschliche und soziale Entwicklungen wurde Wolfram Ruhenstroth-Bauer mit hohen Auszeichnungen gewürdigt. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes, der Bayerischen Staatsmedaille und des vatikanischen Ritterordens. Als erster Deutscher wurde er zum Ehrenbürger des brasilianischen Bundesstaates Paraná ernannt: eine Auszeichnung, die neben ihm auch John F. Kennedy und Papst Paul Johannes II erhalten haben.

Wolfram Ruhenstroth-Bauer ist zweifelsohne stolz auf seine Arbeitsergebnisse. Er ist sich seiner Verdienste bewusst. Es wundert nicht, dass Wolfram Ruhenstroth-Bauer auch heute noch jede Möglichkeit nutzt, um für seine Mitmenschen parat zu stehen. Kaum war er 2015 in ein Seniorenstift im Südosten Münchens gezogen, wurde er dort schon in den Beirat gewählt, an den sich die Bewohnerinnen und Bewohner mit Anliegen und Problemen wenden können. Kein Tag vergeht, an dem der 95-jährige Ministerialdirigent a. D. nicht seine Runden im Schwimmbad des Stifts dreht oder auf dem hauseigenen Klavier Bach, Beethoven und Schubert spielt. Mit bemerkenswerter Leichtigkeit und gefühlvoll bewegen sich seine Finger über die Tasten. „Ein bisschen etwas, muss man auch für sich selbst tun“, sagt er bestimmt.