Chefärztin Cornelia Höß

„Operieren ist für mich manchmal wie Meditation“

Als älteste Tochter eines Landtierarztes versorgte Professor Cornelia Höß schon in Kindheit und Jugend die Wunden ihrer drei jüngeren Schwestern. An der TUM erfüllte sich schließlich ihr Traum: Eine Ausbildung in mikrochirurgischer Technik.

Der menschliche Körper faszinierte Cornelia Höß schon von klein auf: „Ich finde die Anatomie von Lebewesen und die Natur im Allgemeinen wunderschön.“ Die Tochter eines Landtierarztes wuchs mit drei jüngeren Schwestern auf und war schon früh für alle kleineren Assistenztätigkeiten und Wundversorgungen zuständig. „Ich habe unzählige Splitter aus den Händen der Familienmitglieder gezogen“, erinnert sich Cornelia Höß, heute Honorarprofessorin der TUM. Gerade diese kleinteilige, sehr konzentrierte Arbeit, fand sie ungeheuer spannend. Da war es kein Wunder, dass sie nach dem Abitur ihren Interessen folgte und ein Medizinstudium zunächst an der Universität Regensburg begann und später an der TUM abschloss. Hier erfüllte sich auch ein großer Traum: „Ich durfte im Institut für Experimentelle Chirurgie die mikrochirurgischen Techniken erlernen und bei Professorin Ursula Schmidt-Tintemann, einer Pionierin der Plastischen Chirurgie, an der TUM bereits als Studentin nebenbei im OP hospitieren und mithelfen.“

Von den Besten gelernt

Vor und während ihrer Dissertation war Cornelia Höß am Institut für Experimentelle Chirurgie am Klinikum rechts der Isar beschäftigt und an vielen interessanten Projekten wie Mikrogefäßprothesen, Dünndarmtransplantationen und Herzklappenersatz an der Ratte beteiligt. „Die Technik fiel mir leicht, entsprach meinen Wünschen, und ich trainierte Chirurgen des Replantationsteams im Hause“, erinnert sich die engagierte Medizinerin. Da sie in ihrer Doktorarbeit zur Eileiterchirurgie am Kaninchen arbeitete, bekam sie noch vor Beginn des Praktischen Jahres das Stellenangebot, in der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe Mikrochirurgie zu etablieren.

„Ich mag kein autoritäres Gehabe.“

„Das war eine der schwierigsten Entscheidungen meines Berufslebens überhaupt“, sagt Cornelia Höß heute. Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, in der Gynäkologie zu landen, weil hier lange Zeit vor allem „Totaloperationen“, also die vollständige Entnahme von Organen, gang und gäbe war. Das widerstrebte der jungen Frau, die doch möglichst die Organe der Patientinnen erhalten und den menschlichen Körper in seiner Schönheit schützen wollte.

Als Pionierin in der Gynäkologie

Allerdings war es zu diesem Zeitpunkt so, dass sich die gynäkologische Chirurgie gerade veränderte und Cornelia Höß hatte das Glück, in London bei Professor Robert Winston, einem der Väter der gynäkologischen Mikrochirurgie, ein Postgraduierten-Studium zu absolvieren. Später entschied sie sich für den Schwerpunkt der gynäkologischen Onkologie und zum Bleiben in diesem Feld. „Ich hatte auch das Gefühl, mit belasteten Patientinnen auf Augenhöhe sprechen zu können, weil ich es ja von Kindesbeinen an gewöhnt war, mich um meine jüngeren Schwestern zu kümmern“, so Cornelia Höß.

Die Entscheidung für die Gynäkologie hat sich heute ausgezahlt: Nach der Promotion bekam Cornelia Höß die Möglichkeit, als erste Frau eine Oberarztposition an der Frauenklinik der TUM zu bekleiden und sich zu habilitieren. 1998 wechselte sie als Chefärztin – übrigens damals erst die dritte in ganz Bayern – zur Kreisklinik Ebersberg, einem Lehrkrankenhaus der TUM, wo sie bis heute die Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe leitet. „Die Chance als Chefärztin ein Team zu führen und eine Abteilung in meinem Stil weiterzuentwickeln, wollte ich mir nicht entgehen lassen.“

Engagierte Mentorin

Abgesehen davon sind das sinnvolle ärztliche Tun, das Vertrauen von den Patientinnen und die intensive Anstrengung des Berufs für Cornelia Höß noch heute  eine „der wichtigsten Quellen innerer Zufriedenheit“. Sie möchte mit Patientinnen auf Augenhöhe reden und mit ihren Studierenden und Assistenten einen vertrauten Umgang pflegen: „Ich mag kein autoritäres Gehabe.“ Die Eingriffe, die häufig viele Stunden dauern, empfindet sie nicht als Belastung: „Operieren ist für mich wie Mediation. Ich tauche hier total in mein Tun ein und merke nicht einmal, wie die Zeit vergeht.“

Ihre beruflichen und privaten Erfahrungen gibt die Chefärztin seit vielen Jahren als Mentorin im Programm TUM Mentoring von Alumni für Studierende weiter. Auch sie selbst hat von Mentoren profitiert: „Professor Rudolf Ascherl hat mich durch sein breites wissenschaftliches Interesse begeistert, motiviert und mir die Chance gegeben, mich zu entwickeln“, sagt Cornelia Höß. Henner Graeff, der renommierte Chef der Frauenklinik des Klinikums rechts der Isar der TUM, habe als erster Frauen eine Chance gegeben, sich in einem operativen Fach zu beweisen und in Führungspositionen zu kommen. Von ihm habe sie auch den Umgang mit Patientinnen gelernt: „Stil, Respekt und leise Töne – das war Usus bei ihm. Ich bin ihm noch heute sehr dankbar für seine Unterstützung.“