Restauratorin Nora Eibisch

„Ich habe gelernt, die richtigen Fragen zu stellen“

Als Nora Eibisch vor dem Mark I stand, bekam sie eine Gänsehaut. Diesen Computer aus den 1940ern zu restaurieren, davon träumt die TUM Alumna. Die Restauratorin hat über die Montagestraße SRS 72 von Konrad Zuse im Deutschen Museum promoviert.

Jedes historische Artefakt stellt für Restauratorin Nora Eibisch eine neue Herausforderung dar: Sie verlange jedes Mal aufs Neue „umfangreiches Wissen, Erfahrung und oft auch eine Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams“. Und das reizt die 38-jährige Wahl-Berlinerin ganz allgemein an der Restaurierung.  Bei der Restaurierung von Technik komme hinzu, dass für eine dem Artefakt gerecht werdende Restaurierung das genaue Verständnis von dessen Zweck und Funktionalität besonders wichtig ist – und hierfür teilweise besondere Forschungsarbeit geleistet werden muss.

„Technische Artefakte haben oder hatten eine zweckgebundene Funktion“, erklärt sie. Diese Funktion müsse ein Restaurator erschließen. „Dabei spielen z.B. die Gebrauchsspuren eine wichtige Rolle. Sie zeigen uns, welche Rädchen besonders oft gedreht und welche Hebel besonders oft bewegt wurden.“

Vor den Originalen von Computerpionier Konrad Zuse

So hat sie – nach dem Studium der Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft an der TUM – aus den Fragmenten einer Maschine von Computerpionier Konrad Zuse ein vollständiges System wieder zusammengesetzt: Für ihre Doktorarbeit hat Nora Eibisch im Deutschen Museum geforscht und anhand von Zuses zeichnerischen Entwürfen die Montagestraße SRS 72 restauriert.

Die Montagestraße SRS 72 von Konrad Zuse im Deutschen Museum.

Über die Restaurierung der Montagestraße SRS 72 von Konrad Zuse hat Nora Eibisch ihre Doktorarbeit geschrieben; der Montageroboter ist Teil der Sammlung des Deutschen Museums (Foto: Deutsches Museum).

„Zuses Grundidee war, mikroskopisch kleine technische Systeme zu realisieren, die sich analog zu biologischen Zellen verhalten“, erklärt sie. Schon in den 1940ern hätte er seine ersten Entwürfe für automatisierte Rechenmaschinen erfolgreich umgesetzt und sich davon ausgehend eine Zukunft vorgestellt, in der Künstliche Intelligenz unser Leben bestimmt, so Eibisch: „Heute fassen wir viele von Zuses visionären Ideen unter dem Schlagwort ‚Digitalisierung‘ zusammen.“

2010 stand die damalige Promovendin also vor einer großen Menge von Einzelteilen der komplexen Pionier-Maschine und fand heraus, welche Teile wie zusammengehörten und wie sie zum funktionsfähigen Ganzen zusammengebaut werden konnten. Eine ungeheure Meisterleistung.

Im Studium habe sie gelernt, „die richtigen Fragen zu stellen – das bereichert mein Leben bis heute“, sagt Eibisch. Und den „organisierten Freiraum“ genossen: „Im Grundstudium wurden die Grundlagen gelegt, und im Hauptstudium konnte ich mich darauf aufbauend frei entfalten“, erklärt sie. Ihre Arbeit hat sie zunächst ins Deutsche Museum, dann ins Silicon Valley ans Computer History Museum in Mountain View geführt, wo sie an verschiedenen Projekten beteiligt war.

Mein Traum wäre es, diese Maschine aus 765.000 Einzelteilen zu restaurieren.

Gibt es ein Artefakt, von dem sie träumen würde, es zu restaurieren? Da muss Nora Eibisch nicht lange überlegen: „Den Mark I“, antwortet sie und beginnt zu erzählen: „Das ist ein elektromechanischer Computer aus den 1940er Jahren. Ich kannte ihn nur aus Büchern. Als ich im Sommer 2014 eher zufällig über den Campus der Harvard Universität in Boston spazierte und dort das Science Center betrat, stand ich plötzlich vor Teilen dieser Maschine. Da hatte ich eine Gänsehaut.“

Diese Rechenmaschine zu rekonstruieren, ist ein Traum von Nora Eibisch: „Die Maschine ist unglaublich komplex mit ihren mehr als 800 km Kabel, die 765.000 Einzelteile verbinden, darunter 3500 Relays“, erklärt sie. „Der Mark I lief über 15 Jahre im Dauerbetrieb und muss einen ganz schönen Lärm gemacht haben.“ Dabei konnte sie weitaus weniger als ein heutiger Taschenrechner. „Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor dieser Maschine, geben ihr eine Aufgabe, wie z. B. die Berechnung einer Parabel, und sehen zu, wie diese Maschine mit lautem Klacken und Brummen ein paar Stunden später ein Ergebnis auf Lochstreifen ausgibt, das Sie mit ihrem Smartphone innerhalb von Sekundenbruchteilen grafisch dargestellt erhalten haben. Dann kann man erahnen, wie rasant und unvorhersehbar sich die Technik weiterentwickeln wird.“ Die Anfänge dieser technischen Entwicklung zu verstehen und in ihrer historischen Dimension erfassen zu können – das ist die Herausforderung für Technik-Restauratoren wie Nora Eibisch.