Gründer Julian Riedelsheimer

„Meine Eltern fanden die Idee erst dämlich“

Wie viele Wirtschaftsinformatiker wollte Julian Riedelsheimer eigentlich in die Beratung gehen. Dann entdeckte er das Thema Gründen, arbeitete bei einigen Start-ups und gründete 2014 selbst. Nun hat er es auf die Forbes-Liste „30 under 30“ geschafft.

Am Anfang stand die Erkenntnis, dass die Arbeitskultur und das Umfeld, das in vielen Unternehmen herrscht, nicht dem entspricht, was Julian Riedelsheimer sich wünscht. „Büros sind in den seltensten Fällen Wohlfühlplätze“, sagt er. „Hinzu kommt, dass für meine Generation nach einem Zweck im Leben suchen und Selbstbestimmung extrem wichtig ist – auch das ist in den meisten Firmen nicht möglich“, findet der 29-Jährige. Und so rückte er nach und nach von seiner ursprünglichen Idee ab, nach dem Studium der Wirtschaftsinformatik an der TUM in die Unternehmensberatung einzusteigen. Bei „Manage&More“, einem Stipendiaten-Programm der UnternehmerTUM, kam er noch als Student mit dem Thema Gründung in Kontakt. „Das war der Ursprungsfunke. Ich erkannte, dass ich mit einer Gründung die Möglichkeit haben würde, in der Welt etwas zu bewegen, durch das Schaffen von etwas Neuem etwas zu verändern und die Kultur zu prägen.“

Individuelle Design-Konzepte

Nach Stationen bei verschiedenen Start-ups war es 2014 soweit. Zusammen mit Frank Stegert, den er an der TUM im Manage&More-Programm kennengelernt hatte, kam Julian Riedelsheimer die Idee für die eigene Gründung: „Ein gemeinsamer Freund von uns war nach Frankfurt gezogen. Als Frank ihn nach einiger Zeit besuchte, war seine Wohnung noch fast leer. Das Problem: Er hatte weder die Zeit noch die Möglichkeit, sich schön einzurichten. Da dachten wir: Können wir ihm diesen Service nicht anbieten?“ Kurze Zeit später stand das Konzept von 99chairs: Helfender Mittler sein zwischen Kunde und Möbellieferant. Je nach persönlichem Geschmack und Budget erstellt 99chairs ein individuelles Design-Konzept für die Wohnungseinrichtung des Kunden. Gefällt ihm dieses, werden die Möbel direkt über 99chairs geordert.

Die Menschen wünschen sich einen Arbeitsplatz, an dem sie gerne sind und sich wohl fühlen können.

Am Anfang waren vor allem Privatpersonen die Zielgruppe. Doch seit eineinhalb Jahren steht die Einrichtung von Büros im Fokus des Unternehmens – und seither ist 99chairs auf Erfolgskurs. „Wir haben viel Wachstum generieren können“, erzählt der Firmenchef. „Denn viele Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass glückliche Mitarbeiter auch produktivere sind. Das Umfeld, in dem sie arbeiten, spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle.“ Zuerst will 99chairs deutschlandweit in Erscheinung treten, dann Europa erobern.

Die Herausforderungen sind groß

Dass die Gründung eines Start-ups nicht immer reibungslos läuft, gibt der Jungunternehmer unumwunden zu. „Du machst etwas komplett Neues und jede Situation, auf die du triffst, gab es so noch nie. Es gibt wenig, woran man sich orientieren kann.“ Die Erfahrungen, die er zuvor als Mitarbeiter in anderen Start-ups gemacht hat, sind zwar wertvoll. Dennoch ist die Gründerperspektive eine ganz andere. „Ich empfinde es vor allem als herausfordernd, mit dem Wachstum der Mitarbeiter zurechtzukommen. Wir haben inzwischen 50 Vollzeit-Mitarbeiter, und es werden stetig mehr“, erzählt der gebürtige Münchener.

Der junge Mann schöpft bei der Bewältigung seiner Aufgaben aus einem optimistischen Grundnaturell – und nutzt zusätzlich die Zusammenarbeit mit einem Coach. „Mit ihm reflektiere ich viel über mich selbst. Es ist enorm wichtig, dass man als Gründer eine positive Aura hat, standfest ist und an sich und die Idee glaubt.“ Wer ständig zweifle, ob er gut genug sei, habe keine Chance. „Selbstsicherheit und eine Portion Gelassenheit ist bei dem Druck, der zwangsläufig manchmal da ist, das A und O.“

Die beste Entscheidung

Rückenwind bekommt der Halbfranzose auf seinem Weg vor allem von anderen Gründern. Freunde und Familie dagegen waren mitunter auch skeptisch. „Kumpels haben mein Start-up teilweise belächelt, meine Eltern fanden die Idee dämlich“, lacht Julian Riedelsheimer. „Trotzdem haben sie mir immer vertraut und mir anfangs auch Geld geliehen. Heute sind sie sehr stolz auf mich. Auch bei meinen Freunden ist die anfängliche Skepsis gewichen.“ Und für den ambitionierten Wahlberliner selbst ist völlig klar: „Die Gründung war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.“