IN MEMORIAM: Eisenbahningenieurin Maren Heinzerling

„Ich brauchte immer wieder Mut“

Als Maren Heinzerling 1958 anfängt Maschinenbau zu studieren, ist sie die einzige weibliche Hörerin des Faches. Bis zu ihrem Lebensende engagierte sie sich leidenschaftlich dafür, mehr Frauen in den Ingenieurberuf zu bringen. Im April 2021 ist sie im Alter von 82 Jahren verstorben.

1958 war ein starker Jahrgang: Über 1 000 Erstsemester saßen bei den Physik- und Mathematikvorlesungen im Großen Physik-Hörsaal der damals noch Technischen Hochschule München in der Arcisstraße. „Wir Maschinenbauer waren 300 Studierende mit einem Frauenanteil von 0,33 Prozent – das war ich“, erzählte Maren Heinzerling. Auf Seiten der Verwaltung war man auf weibliche Studierende noch nicht eingestellt: In Maren Heinzerlings Studienausweis musste deshalb die Anrede von „Herr“ zu „Fräulein“ noch händisch angepasst werden. „Dass ich mich für dieses Studienfach entschieden habe, war nichts Besonderes für mich, weil in meiner Familie alle Ingenieure waren, mein Vater, mein Bruder, mein Onkel“, erinnerte sich Maren Heinzerling. „Mir ist das Besondere erst bewusst geworden, als ich in diesen Hörsaal kam, in dem ausschließlich Männer saßen.“

Jetzt darfst du nicht umdrehen, jetzt musst du da durch.

Junge Frau erkämpft sich ihren Weg

Von da an heißt es für Maren Heinzerling mutig sein: Als sie zum Fachschaftsabend für Maschinenbaustudenten geht, fangen die anwesenden Kollegen an zu pfeifen. Um zu sehen, ob die junge Kommilitonin durchhält. „Und ich hab mir damals gesagt, jetzt darfst du nicht umdrehen, jetzt musst du da durch.“ Die junge Frau erkämpfte sich ihren Weg und spezialisierte sich im Studium auf den Bereich Schienenfahrzeuge. Nach dem Diplom legte sie zunächst eine zehnjährige „Familienpause“ ein und zog ihre beiden Kinder groß. Danach arbeitete sie in Teilzeit als Ingenieurin unter anderem bei der Lokomotivfirma Kraus-Maffei.

Aber Maren Heinzerling fand den Ingenieurberuf viel zu spannend, vielseitig und wichtig, um ihn ausschließlich Männern zu überlassen. Deshalb wollte sie Frauen Mut machen, einen technischen Beruf zu ergreifen. „Der Tatsache, dass man dort vielen Männern begegnet und demzufolge über einiges Stehvermögen verfügen muss, haben wir seinerzeit dadurch Rechnung getragen, dass wir von den Mädchen forderten, sie mögen einen gewissen konstruktiven Trotz entwickeln und ‚Ewizen‘ sein – das steht für ‚Euch wird ich’s zeigen‘“, so Maren Heinzerling.

In den späten achtziger Jahren gründete sie den Arbeitskreis „Frauen in Naturwissenschaft und Technik“, 1990 rief sie den 1. Münchner-Mädchen-Technik-Tag ins Leben, den Vorläufer des heutigen Girls‘ Day. Hier traf sie auch die Schülerin Andrea Bör und gab ihr den entscheidenden Impuls für ihre Berufswahl. „Frau Heinzerling war für mich eine ganz tolle Frau, die Karriere und Familie unter einen Hut gebracht hat. Das faszinierte mich so, dass ich mich zum Studium der Elektrotechnik an der TUM entschloss“, erzählt Andrea Bör. Sie hat nach ihrem Ingenieurstudium selbst eine beeindruckende Karriere gemacht und ist heute Kanzlerin der Freien Universität Berlin.

Maren Heinzerling und ein Junge machen Physik mit Alltagsgegenständen.

Mit ihrem Projekt „Zauberhafte Physik“ widmete sich Maren Heinzerling der naturwissenschaftlichen Förderung von Grundschulkindern. Dafür wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet (Foto: privat).

Ein interessanter Lebensgefährte

„Der richtige Beruf – das ist etwas Wunderbares – das ist so etwas wie ein Freund oder noch eher ein Lebensgefährte“, schwärmte Maren Heinzerling. Ein technischer Beruf sei noch dazu ein überaus interessanter Lebensgefährte: „Einer, der viele Möglichkeiten bietet, einer, der wirtschaftliche Unabhängigkeit gewährt, der vielleicht auch mal ins Kampfgetümmel führt, aber – und das ist meine Überzeugung – er ist der zuverlässigste Lebensgefährte, den man haben kann.“

Auch hier wusste Maren Heinzerling, wovon sie sprach: 1993 – gerade  frisch geschieden – bekam sie ein Stellenangebot als Vertriebsleiterin für China, Australien und Afrika bei der AEG Schienenfahrzeuge GmbH in Berlin. Das Angebot ehrte sie und sie war angetan von dem Gedanken, ihr ganzes bisheriges Leben zu verändern, endlich reisen zu können und mehr Verantwortung zu übernehmen. „Doch meine mangelnden Englischkenntnisse machten mir zu schaffen, immerhin geht es bei der Vergabe von Bahngesamtsystemen um dreistellige Millionenbeträge und mehr.“ Doch auch diese Herausforderung meisterte Maren Heinzerling: Sie ging nach Berlin, hörte nur noch englische Nachrichten im Radio, las englischsprachige Bücher und Zeitschriften. „Ich hatte keine Ahnung mehr vom deutschen Kulturleben, aber mein Englisch besserte sich.“ Sie habe diesen Schritt nie bereut. „Es war eine wundervolle Aufgabe, die aber immer wieder Mut brauchte.“

Inspiration und Wegbereiterin

Bis zu ihrem Lebensende steckte Maren Heinzerling mit ihrer Begeisterung andere an. Seit ihrer Pensionierung im Jahr 2000 konzentrierte sich ihr Interesse zunehmend auf die naturwissenschaftliche Förderung von Grundschulkindern. Für ihr Projekt „Zauberhafte Physik“ wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 2016 konnte das Projekt nochmals modifiziert werden, so dass es nun auch in Flüchtlingsklassen eingesetzt werden kann. 2017 ist Maren Heinzerling mit dem Deutschen Bürgerpreis für ihr Lebenswerk geehrt worden. „Sie begeistert Groß und Klein spielerisch und unermüdlich. Sie ist Inspiration und Wegbereiterin für mehr Frauen in den Naturwissenschaften“, hieß es in der Jurybegründung.