TUM Emeritus of Excellence Manfred Schuller

„Wir mussten hoch fliegen, um nicht beschossen zu werden“

Als Professor für Bauforschung an der TUM leitete Manfred Schuller bedeutende Großprojekte. Durch seine Devise der Forschung vor Ort bereiste der TUM Alumnus viele Länder. Sonnige Urlaubsorte gehörten ebenso dazu wie gefährliche Kriegsgebiete.

Von Kindesbeinen an war Professor Dr. Manfred Schuller von Architektur fasziniert. Begeistert besichtigte er mit seinen Eltern Burgen und Kathedralen. „Immer war Bauen in meiner Kindheit dabei: In der großen Sandkiste und aus Papierbögen entstanden ganze Städte“, erinnert er sich. „Besonders trieb mich die Frage um: Wie wurde das gemacht? Wie gelang es weit vor Christi Geburt, aus härtestem Granitgestein ohne Eisenwerkzeuge einen 300 Tonnen schweren Obelisken aus dem Steinbruch herauszumeißeln und ihn über hunderte Kilometer zu transportieren?“

Als Bauforscher und Bauhistoriker ging Manfred Schuller ein Leben lang mit ungebrochener Begeisterung diesen Fragen nach. Üblicherweise spezialisieren sich Bauforscher auf nur eine Zeitschicht. Für Manfred Schuller galt das nicht. Seine Interessen waren zu breit gefächert. Und so überspannten seine Forschungsschwerpunkte griechische Tempel, mittelalterliche Kathedralen und Paläste der Renaissance ebenso wie barocke Gartenanlagen, die islamische Architektur und russische Eisenarchitektur.

Mit Leib und Seele

Dass er Architektur studieren würde, war für Manfred Schuller, der schon als Jugendlicher Bücher zu historischen Bauten sammelte, abgemachte Sache. 1975 nahm er das Studium der Architektur an der TUM auf. An der Ludwig-Maximilians-Universität studierte er Klassische Archäologie und Kunstgeschichte gleich noch mit dazu. Für seine Sonderdiplomarbeit bei TUM-Professor Friedrich Kurrent bekam er 1981 die seltene Note 1,0 – und etliche Angebote von renommierten Architekturbüros, blieb aber bei seiner Leidenschaft, der Baugeschichte. Für seine Promotion im Fach Baugeschichte und Bauforschung bei dem renommierten Lehrstuhlinhaber Professor Dr. Gottfried Gruben erhielt er 1985 den Preis des Bund der Freunde der TUM.

Der TUM gelang es, mich abzuwerben.

1986 ging er als jüngster bayerischer Professor an den Lehrstuhl für Bauforschung und Baugeschichte der Universität Bamberg. Als einziger Architekt an der geisteswissenschaftlichen Universität hatte er viele Freiheiten. Das Fach Bauforschung konnte er komplett neu aufbauen und etablieren. Das Aufbaustudium Denkmalpflege betreute er leidenschaftlich. Eigentlich war Manfred Schuller in Bamberg zufrieden. „Doch der TUM gelang es, mich abzuwerben“, sagt er. „Entscheidend war das verlockende Angebot des damaligen Dekans der Architekturfakultät, Professor Dr. Norbert Huse.“ Dieser stellte ihm große Forschungsprojekte in Aussicht. Und so kam Manfred Schuller 2006 als Lehrstuhlinhaber für Baugeschichte, Historische Bauforschung und Denkmalpflege wieder zurück an seine Alma Mater.

TUM Alumnus Manfred Schuller auf einem hellenistischem Wehrturm sitzend.

Für seine Passion war TUM Alumnus Manfred Schuller kein Weg zu weit und kein Denkmal zu hoch. Auf der griechischen Insel Naxos fertigte er in schwindelerregender Höhe Skizzen auf einem hellenistischem Wehrturm an (Bild: Privat).

Jenseits gewohnter Pfade

Schon seit seiner Studienzeit an der TUM fand es Manfred Schuller faszinierend, dass die Methoden der Bauforschung – Steine und Hölzer als Primärquelle zu befragen, Indizienketten aufzubauen und wie ein Puzzle möglichst vollständig zusammenzusetzen – in allen Zeitschichten von der Antike bis ins 20. Jahrhundert hinein funktionieren. Sein lebenslanger Antrieb war es, die hochentwickelte Methodik, die er von seinem Doktorvater Gottfried Gruben auf den Kykladen erlernt hatte, auch auf andere Epochen und Strömungen jenseits der dorischen Architektur und jenseits von Griechenland zu übertragen.

Nicht nur bei seinen eigenen Projekten, sondern auch bei den von ihm betreuten Dissertationen galt für Manfred Schuller dabei stets das Grundprinzip der Arbeit vor Ort. Mit dem Regensburger Dom, dem Trierer Dom und dem Kirchenfragment in Lorsch untersuchte er UNESCO-Weltkulturerbe. In Venedig erforschte er den Markusdom, in Rom und auf griechischen Inseln Tempel und Ruinen, in Russland die Eisenbauten des großen Ingenieurs Vladimir Šuchovs. „Jedes der Projekte hatte seinen eigenen Reiz“, sagt er. „Oft auch durch die Lage der Denkmäler im Umfeld historischer Städte oder völlig abseits in grandioser Landschaft.“

Wie im Film

Nicht selten meldete sich das Finanzamt bei Manfred Schuller. Dort konnte man nicht glauben, dass sich ein Professor statt in der Bibliothek vermeintlich nur in beschaulichen Urlaubsorten herumtrieb. Wenn die Finanzbeamten von seinem Forschungsaufenthalt in der Autonomen Republik Nachitschewan erfahren hätten, wäre er sie sicherlich losgeworden.

In der hermetisch abgeriegelten Exklave Aserbaidschans sollte Manfred Schuller monumentale mittelalterliche Grabbauten untersuchen. In die Gegend durfte normalerweise kein Ausländer einreisen. Zugang gab es nur mit dem Flugzeug von Baku aus. „Wir mussten hoch fliegen, um nicht von Bergkarabach aus beschossen zu werden“, berichtet Manfred Schuller von diesem Abenteuer. „Doch die beeindruckenden Grabbauten vor dem schneebedeckten Berg Ararat waren es wert.“