TUM Emeritus of Excellence Kurt Antreich

„Ich war der Jüngste und gleichzeitig der Chef“

Als Kind musste TUM Alumnus Kurt Antreich aus seiner böhmischen Heimat fliehen. Dass er das Abitur machen konnte, war keine Selbstverständlichkeit. Später hat er an der TUM weltweit anerkannte Forschung auf dem Gebiet der Informationstechnik betrieben.

Nach ihrer Vertreibung aus Böhmen fand die Familie von Kurt Antreich in der Oberpfalz eine neue Heimat. Kurt Antreich war damals 12 Jahre alt. Die eher mäßige Bildung, die Kurt Antreich in der Dorfvolksschule der Kriegszeit bekam, versuchte vor allem die kluge Großmutter für den Enkel zu erweitern. Sie ließ ihn durch einen bekannten, ebenfalls geflohenen Mathematiker unterrichten. Auf einer zur Oberschule umgemodelten Lehrerbildungsanstalt konnte Kurt Antreich schließlich das Abitur machen. „Ich war so froh, dass ich das Abitur überhaupt machen konnte“, erinnert er sich heute. Etwas Handfestes solle er studieren, das mit seiner Begabung für die Mathematik einhergehe, riet ihm der zum Mentor gewordene Mathematiker. Kurt Antreich ging daraufhin nach München und studierte Elektrotechnik an der TUM.

Im Korsett eines großen Konzerns

Nachdem er an der TUM 1959 sein Diplom in Elektrotechnik gemacht hatte, ging der damals 25-jährige Kurt Antreich als Entwicklungsingenieur zu AEG-Telefunken in der Nähe von Stuttgart. Rasch wurde er zum Laborleiter, Abteilungsleiter und schließlich zum Leiter der Vorentwicklung. „Ich war der Chef und gleichzeitig der Jüngste unter den mir zugeordneten Abteilungsleitern“, so blickt Kurt Antreich auf seine Blitzkarriere zurück. Gleichwohl war es für ihn eine sehr anstrengende Lebensphase. Der permanente Zeit- und Leistungsdruck in der mit Siemens in Dauerkonkurrenz stehenden Firma, die zahlreichen Überstunden, das mühsame Motivieren der Mitarbeiter waren belastend. Und auch wenn er stolz auf seine Leistungen in dieser Zeit zurückblickt, so erinnert sich Kurt Antreich heute noch daran, wie sehr er sich im Konzern eingeengt fühlte.

An der Universität ist man viel freier als in der Industrie.

Während dieser Zeit hatte Kurt Antreich nebenbei mehrere Lehraufträge an den Universitäten von Karlsruhe und Stuttgart. Im Gegensatz zur „so genannten freien Wirtschaft“ konnte er an den Hochschulen Wissenschaftler erleben, die in ihrem Forschungsfeld tatsächlich frei agierten: „An der Universität ist man viel freier als in der Industrie.“ So nahm er 1975 den Ruf an die TUM mit Freude und Überzeugung an. Denn hier wurde ihm die großartige Möglichkeit geboten, als Ordinarius den neu geschaffenen Lehrstuhl für Entwurfsautomatisierung der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik aufbauen.

Freiheit und Pioniergeist an der Hochschule

An der TUM konnte Kurt Antreich seine Forschungsschwerpunkte endlich selbst wählen. Diese Freiheit beflügelte ihn zu wissenschaftlich herausfordernden und gleichsam wirtschaftlich bedeutsamen Pionierleistungen. Möglich war ihm dies nicht zuletzt durch umfangreichen Drittmitteleinwerbungen. Zur internationalen Anerkennung des Lehrstuhls trugen insbesondere Kurt Antreichs Forschungen im Bereich der Entwicklung moderner CAD-Werkzeuge und der Automatisierung des Entwurfs analoger Schaltungen bei. So war es Kurt Antreich und seiner Forschungsgruppe in den achtziger Jahren gelungen, ein CAD-Tool zu entwickeln, das komplexe Layoutprobleme lösen konnte. Die Arbeiten haben daraufhin eine ganze Reihe von Forschungsaktivitäten inspiriert, so auch wichtige Arbeiten an der University of California in Berkeley. Und auch die von ihm und seinen Mitarbeitern entwickelten Algorithmen für den automatisierten Entwurf integrierter Systeme sind heute ebenso in den Entwurfswerkzeugen der bekannten CAD-Anbieter wie in hauseigenen Werkzeugen großer Halbleiterhersteller zu finden.

Kurt Antreich hat die technisch-wissenschaftliche Entwicklung seines Fachgebiets von Anfang an über mehrere Jahrzehnte unter scharfen internationalen Wettbewerbsbedingungen maßgeblich mitgestaltet. Aus seinen Forschungsarbeiten entstand 2001 die Gründung einer Firma mit Doktoranden der TUM zur Herstellung und zum weltweiten Vertrieb von Software-Werkzeugen für den Entwurf von analogen Komponenten. Mit seinem Nachfolger an der TUM und einem weiteren Kollegen ist Kurt Antreich dort nach wie vor beratend tätig. Als TUM Emeritus of Excellence fördert er auch noch in hohem Alter begabte Studierende als Mentor. „Dieser besondere Titel bedeutet mir sehr viel und zeigt mir, dass die TUM mit meiner Lehr- und Forschungstätigkeit zufrieden war.“