Nobelpreisträger Joachim Frank

„Ich wollte es ganz anders machen“

Als TUM-Promovend stritt sich Joachim Frank mit seinem Mentor noch darüber, wie sich biologische Moleküle darstellen lassen. Anfang Dezember 2017 wurde er für die Entwicklung der Kryo-Elektromikroskopie mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet.


Um 5:18 Uhr Ortszeit am 4. Oktober kam der Anruf aus Stockholm und weckte Joachim Frank aus dem Schlaf. „Der Mann am anderen Ende der Leitung hatte einen unüberhörbaren schwedischen Akzent. Sofort wurde ich mir die Tragweite des Anrufs bewusst – das war ein aufregender Moment für mich“, erzählt Joachim Frank. Der Professor an der Columbia University in New York schloss 1970 seine Promotion an der TUM ab. Zusammen mit Jacques Dubochet und Richard Henderson wurde er 2017 für die bahnbrechenden Arbeiten zur Entwicklung der Kryo-Elektronenmikroskopie mit dem Nobelpreis in Chemie ausgezeichnet.

Wenn ich mich nur auf die Wissenschaft beschränken würde, dann würde ich von großen Teilen der Welt nichts mitbekommen.

Seit diesem frühen Morgen steht Joachim Frank im Rampenlicht: „Ich werde fast zelebriert wie ein Rockstar. Das ist für mich sehr ungewohnt und mir manchmal auch etwas peinlich, aber im Großen und Ganzen genieße ich es“, beschreibt der 77-Jährige seine neue Rolle als Träger des weltweit renommiertesten Wissenschaftspreises. Mit dem Nobelpreis kämen nun auch mehr Freiheiten: „Ich muss nicht mehr alle akademischen Verpflichtungen übernehmen“, sagt Frank, der in seiner Freizeit fiktionale Texte und einen Blog schreibt. Er habe schon immer den Impuls verspürt, sich außerhalb der Wissenschaft auszudrücken. „Wenn ich mich nur darauf beschränken würde, würde ich von großen Teilen der Welt nichts mitbekommen.“

Für ihn ist der Nobelpreis die große Anerkennung einer vierzig Jahre langen wissenschaftlichen Arbeit, deren Erfolg oftmals ungewiss war. Auch seine Promotionszeit in München war lange von großer Unsicherheit geprägt: „Ich musste meine Richtung erst finden, aber Schritt für Schritt ist mir das gelungen“, so der gebürtige Siegerländer. Mit seinem Mentor und Doktorvater Walter Hoppe, Röntgenkristallograph mit Interesse an Elektromikroskopie, stritt er sich über das korrekte Vorgehen bei der Darstellung von Molekülen. „Bei seinem Verfahren verbrannten die beobachteten Moleküle immer. Ich wollte es ganz anders machen“, erzählt Joachim Frank. Er verfolgte die Idee, dass eine Probe Millionen Kopien eines Moleküls enthält. „Ich wollte eine Technologie entwickeln, um aus vielen zweidimensionalen Aufnahmen des Elektronenmikroskops eine detaillierte Struktur zu errechnen.“

Vogelperspektive auf das gut gefüllte Konserthuset in Stockholm.

Traditionell werden die Nobelpreise im Konserthuset, dem Konzerthaus im Stockholm, in Anwesenheit der königlichen Familie verliehen. Der König selbst übergibt die Preismedaille und eine Urkunde (Foto: Alexander Mahmoud/ Nobel Media AB).

Freundschaften und Isarfahrten

An seine erlebnisreiche Münchner Zeit erinnert er sich heute gerne zurück: „Ich habe Konzerte besucht, Freundschaften geschlossen, einen interdisziplinären Kreis mit anderen Studierenden gegründet, Isarfahrten gemacht und vieles mehr.“ Nach der Promotion ging es für Joachim Frank mit einem Stipendium in die USA. Der Beginn eines ganz neuen Lebens: „Ich habe die viel größere Offenheit des Wissenschaftsbetriebs in den USA schätzen gelernt“, sagt er heute. Als 1975 dann ein großzügiges Angebot von einem Institut in Albany kam, habe er nicht lange gezögert. Seit 2008 ist Joachim Frank Professor für Biochemie und Molekulare Biophysik an der Columbia Universität, mittlerweile besitzt er sogar den amerikanischen Pass.

Anfang Dezember unternahm Joachim Frank nun eine seiner wohl wichtigsten Europareisen: Die Verleihung der Nobelpreise findet traditionell im Konserthuset, dem Konzerthaus von Stockholm in Schweden, statt. Vom schwedischen König Gustav persönlich erhielt Frank die Medaille mit dem Konterfei Alfred Nobels darauf sowie die zugehörige Urkunde. Und wie hat er sich gefühlt, als er auf dieser wichtigen Bühne stand? „Es war fast ein bisschen wie im Märchen“, resümiert der frisch gekürte Nobelpreisträger.

Am 6. Juni 2019 wird Joachim Frank der Ehrentitel „TUM Distinguished Affiliated Professor“ verliehen. Im Rahmen seines Aufenthalts an der TUM hält der Nobelpreisträger um 14 Uhr einen Vortrag am TUM Institute for
Advanced Study, zu dem alle Alumni herzlich eingeladen sind (ohne Anmeldung).