TUM Emeritus of Excellence Holger Magel

„Mein Glück war, eigene Theorien in die Praxis umsetzen zu können“

Als Schüler entwickelte Holger Magel ein Faible für die nachhaltige Gestaltung von Dorf und Landschaft. Heute ist der TUM Alumnus für sein Engagement in der Dorferneuerung und Stärkung ländlicher Räume national und international bekannt.

Angeregt wurde Holger Magels Interesse an der Natur und am „Schützenwollen von Landschaft, Geschichte, Identität und Heimat“ bereits in der Volksschulzeit in Neuburg. Es war sein dortiger Lehrer, der ihn durch zahlreiche Exkursionen unter anderem ins nahe Donaumoos und Urdonautal für die Thematik sensibilisierte. Eigentlich wollte der junge Ottheinrichstädter, damals schwäbischer Zehnkampfmeister, Sport und Mathe studieren. Verletzungsbedingt hat er sich stattdessen für das breite, das Planen und Arbeiten in der Landschaft beinhaltende Studium der Geodäsie an der TUM entschieden. „Auf diese Weise konnte ich meine Verbundenheit mit Landschaft und Siedlungen wissenschaftlich ausbauen“, erinnert sich Holger Magel heute.

Praktische Erfahrung für die Forschung

Als die Bayerische Flurbereinigungsverwaltung an der TUM den Stiftungslehrstuhl für Flurbereinigung und ländliche Neuordnung ins Leben rief, um dort endlich selbständige wissenschaftliche Forschung zu ermöglichen, versetzte sie den jungen Ingenieur Holger Magel von der Flurbereinigungsdirektion München dorthin. Bereits für sein kurz zuvor abgeschlossenes erstes Projekt im Landkreis Erding hatte er den Staatspreis erhalten und sollte nun die Forschung des neuen Lehrstuhls durch seine praktische Erfahrung mit in die richtige Richtung lenken.

Flurbereinigung wird naturverträglich und partizipativ

Holger Magel baute nach dem frühen Tod des Ordinarius nicht nur den Lehrstuhl auf, sondern leitete das erste große bundesdeutsche Forschungsvorhaben zur Dorferneuerung, das Grundlage für den Dorferneuerungsboom in Bayern und Deutschland werden sollte. Als frisch berufener Chef der Dorferneuerung im Landwirtschaftsministerium erlebte Magel den Glücksfall, dass er seine eigene Theorien in die Praxis, und zwar für ganz Bayern, umsetzen konnte. Beeinflusst von Gesprächen mit den TUM-Professoren Wolfgang Haber, Günther Grzimek und Helmut Gebhard revolutionierte Magel auch die Praxis der Flurbereinigung.

Wieder war es ein Modell, nämlich die gemeinsam mit Haber-Schüler Fritz Auweck entwickelte „dreistufige Landschaftsplanung“, die Magel bayernweit in die Praxis umsetzen konnte – und das mit großem Erfolg: die Kritik von Natur- und Vogelschutz sowie Heimat- und Denkmalpflegern verstummte schlagartig. Die erstmalig in Deutschland eingesetzten wissenschaftlichen Methoden der ästhetischen und ökologischen Bilanz überzeugten selbst ausgewiesene Kritiker. Seitdem schwört Magel auf den Satz: „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.“

 Wer souverän ist, lässt auch andere Meinungen zu.

Neu war an Magels Methodik vor allem auch die interdisziplinäre und partizipative Herangehensweise. Durch den am Lehrstuhl gelernten und praktizierten, oft auch kontroversen Meinungsaustausch mit und Wissenstransfer zwischen Professoren, Denkmalpflegern, Heimatpflegern, Ortsplanern, Volkskundlern, Wasserbauern und Naturschützern wurden seine Landflucht und Dorfsterben eindämmenden Projekte vielfach zum Erfolg.

Nicht zuletzt, da er hierbei auch stets auf die aktive Beteiligung der Dorfbewohner setzte. Nur wenn auch diese die Vorzüge des eigenen Lebens im ländlichen Raum genügend zu schätzen wissen und an deren Verbesserung mitwirken dürfen, sieht Holger Magel sein Ziel erreicht. „Miteinander“ und nicht „von oben herab“ will er Dörfer sanieren und das dörfliche Leben erhalten und erneuern. Um diese gewünschte Partizipation methodisch auf sichere Beine zu stellen, hat Magel nicht nur intensive praxisorientierte Forschung betrieben, sondern auch die drei bayerischen Schulen der Dorferneuerung und Landentwicklung ins Leben gerufen.

Für eine gerechtere Welt

1998 kehrte Holger Magel wieder zurück an die TUM und lehrte, forschte und beriet immer breiter und weiter. Sein Interesse erstreckte sich nun auf „Land Management in urban and rural areas“ – so der Name des von ihm gegründeten und in Deutschland einmaligen Studiengangs – , auf den gesamten ländlichen Raum und dessen Interdependenz zu städtischen Räumen. Magel bildete Masterstudenten aus aller Welt aus und predigte als „Weltpräsident aller Geometer“ und Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum die Botschaft einer gerechteren Welt. Auch dazu hat er eine Theorie entwickelt: das Modell der Räumlichen Gerechtigkeit. Und wieder hatte er die Chance, mitzuhelfen, diese Theorie in die Praxis zu übertragen – ob in Bayern, Deutschland oder in China, Kambodscha, Georgien oder anderswo.

Seit 2012 ist Holger Magel nun emeritiert, aber engagiert wie eh und je – daheim und in der Welt. Als Emeritus of Excellence sieht er seine Rolle als internationaler Botschafter der TUM und des Ländlichen Raumes, um weltweit Menschen – Bürger, Experten und Entscheidungsträger gleichermaßen – zu sensibilisieren und zu mobilisieren für die Erhaltung einer unverzichtbaren Balance von Stadt und Land. Denn, so Magel: „Wenn das Land nicht mehr atmet, ersticken die Städte.“