Unternehmer Georg Prinz zur Lippe

„Ich bin immer neugierig, Neues zu erleben und Neues zu verstehen“

Nach seiner Promotion an der TUM lebte Professor Georg Prinz zur Lippe in München und führte ein bürgerliches Leben. Dann entschied er sich, das einstige Familienschloss und dessen Weingut bei Meißen zurückzukaufen. 

Fast inkognito lebte Georg Prinz zur Lippe in München, studierte und promovierte an der TUM und arbeitete bei einer Consultingfirma. Mit der Wiedervereinigung fasste er den Entschluss, nach Meißen zurückzukehren und das Schloss, das einst seiner Familie gehört hatte, zu neuem Leben zu erwecken. Doch damit nicht genug: „Mein Ziel war es, einen exzellenten Wein zu machen, der authentisch ist, der für seine Region steht, für den Boden, für das Klima, für die Menschen.“ Das ist ihm gelungen. Das älteste Weingut Sachsens produziert wieder erstklassige Weine und erstrahlt in neuem Glanz, doch der Weg dorthin war schwer.

Komplexer Wiederaufbau

Das Land war heruntergewirtschaftet, das Schloss verfallen und zudem stand beides nicht zum Verkauf. Doch Georg Prinz zur Lippe gab nicht auf. Er nahm einen Kredit auf seine Münchner Wohnung auf, arbeitete als freier Berater und kaufte zunächst nur die Reben des Weinbergs. Damit begann die Wiedergeburt des Schlosses und des Weinguts. Das erste Jahr pendelte er zwischen München und Meißen und zog schließlich 1991 mit einer ganzen Reihe Fragen im Gepäck um. Denn zu diesem Zeitpunkt war noch völlig unklar, ob die Weine Abnehmer finden würden, ob die Finanzierung klappen und ob der Wein gut ankommen würde. „Ich habe mit ganz, ganz, ganz vielen Fragezeichen angefangen und ich würde sagen, die Fragezeichen sind bis heute nicht weniger geworden. Es tun sich immer wieder neue auf.“

Schloss Proschwitz

Inzwischen erstrahlt Schloss Proschwitz in neuem Glanz. Die jahrzehntelangen und nie endenden Restaurierungsarbeiten haben sich gelohnt (Foto: facesbyfrank).

Bis er das Schloss zurückkaufen konnte, dauerte es weitere fünf Jahre. „Denn nach der Wende war man ja nun nicht direkt begeistert von Alteigentümern und man wollte die Welt einfach neu gestalten. Zurück zu alten Strukturen war in weiten Teilen nicht der Wunsch der breiten Masse.“ Mit dem Kauf des Schlosses wurde es noch komplizierter. Die Behinderteneinrichtung, die im Schloss untergebracht war, bestand dort bis 2000 – unter schwierigen Bedingungen: „Das begann damit, dass die Abwasserrohre in den Wänden korrodiert waren und das Abwasser gar nicht mehr dorthin kam, wo es hin sollte.“ Also wurden in den Ferien die Leitungen neu verlegt, das Dach gedeckt und Böden neu gemacht. Denn die Sanierungsarbeiten mussten während des Schulbetriebs stattfinden. „Das war schon ganz schön ambitioniert! Viele Problempunkte, die man immer wieder im Blick haben musste. Also das war hochkomplex!“

Weihenstephan und die ganze Welt

Doch Prinz zur Lippe hat ein Faible für komplexe Dinge und ist neben der Arbeit an Schloss und Weingut unter anderem Professor und Unternehmensberater. Die ganze Region, die seine Heimat geworden ist, liegt ihm sehr am Herzen: „Ich versuche hier auch in vielen Aktivitäten neben dem Weinbau Dinge zu bewegen. Es sind viele, viele, kleine, spannende Baustellen, die letztendlich, wie bei einem Adventskalender, eigentlich jeden Tag ein neues Türchen aufgehen lassen, und das finde ich schön.“ Auch ins Ausland zieht es ihn regelmäßig. „Ich bin immer neugierig, Neues zu erleben und Neues zu verstehen. Darin liegt so viel Kraft und Potential, wenn man den Menschen mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet, das Wahrnehmen in den Vordergrund stellt. Wenn man einfach mal zuhört, dann kann man unglaublich viel für sich aufnehmen. Für mich ist das nach wie vor ein Lebenselixier pur.“

Genauso kommt auch Prinz zur Lippe immer wieder gerne nach München zurück. „Meine Verbindung nach Bayern ist schon noch stark. Und spätestens, wenn ich bayerisch höre, freu ich mich auch wieder, weil mir halt alles sehr bekannt vorkommt.“ An sein Studium in Weihenstephan denkt er gerne zurück. Nach wie vor finden Treffen und gemeinsame Ausflüge der ehemaligen Weihenstephaner im Dresdner Raum statt, zu zweien hält der Prinz regen Kontakt. „Was ich möchte: Ich möchte natürlich auch ein bisschen von dem zurückgeben, was ich selbst an Ausbildung geschenkt bekommen habe. Und ich möchte auch für meine Region hier, in der ich jetzt lebe, ein Kulturgut erhalten und an die nächste Generation übergeben.“

Ich glaube, dass Dinge, die authentisch sind, mehr oder weniger immer selbsterklärend sind.

Sowohl seine Erfahrung als Unternehmensberater als auch der Respekt gegenüber seiner Umgebung und den Menschen haben ihm in seinem Leben und besonders beim Wiederaufbau des Weinguts viel geholfen. Mit den Reben übernahm er damals die komplette Weinbaubrigade 56 der LPG Wilhelm Pieck. Viele der damaligen Mitarbeiter gehen jetzt in Rente und sind fast 30 Jahre lang bei ihm auf dem Weingut geblieben. „Im Verhältnis zu den Menschen hat sich viel geändert. Anfangs war ich ja sozusagen der Inbegriff des Klassenfeindes – ein Prinz, ein Unternehmer: Um Gottes willen! – und heute ist das einfach eine völlige Normalität, ich bin der Nachbar von nebenan, und man freut sich und wird zum Grillen eingeladen, und das ist einfach sehr, sehr normal und freundschaftlich geworden.“ Er selbst wohnt mit seiner Familie auch nicht im Schloss, sondern im Gärtnerhaus. Genießen kann er den Flair aber schon: „Manchmal setze ich mich abends vor den Kamin im Schloss, schüre den richtig an, hole einen schönen Rotwein raus, gucke in den Kamin und fühle mich dann wie ein kleiner Schlossherr.“

Zurück zum Ursprung

Auf Dauer soll möglichst viel von dem Gutshof in Zadel, das die Weinproduktion beherbergt, nach Proschwitz zurückgebracht werden, wo der Ursprung des Weingutes liegt. „Ich glaube, dass Dinge, die authentisch sind, mehr oder weniger immer selbsterklärend sind. Die Gedanken, die sich andere vor Jahrhunderten gemacht haben, die kann man immer wieder erspüren, und das ist letztendlich Authentizität des Ortes.“ Drei sehr schöne historische Keller, die man gut nutzen kann, warten nur darauf, dass der Wein zurückkommt.

Ein Weinfass mit einer gekrönten roten Rose vor dem Meißener Dom.

Die Lippische Rose ziert auch den Wein von Schloss Proschwitz, das malerisch oberhalb der Stadt Meißen liegt (Foto: facesbyfrank).

Und sobald Prinz zur Lippe über seine Weine spricht, erkennt man die Leidenschaft, die dahinter steht. Er beschreibt den Proschwitzer Wein als Lindenblatt: mit feiner Säurespitze, weiteren kleinen Aromaspitzen und insgesamt rund. „Wenn man erstmal erkannt hat, was für einen Schatz man da hat, dann macht es natürlich noch viel mehr Spaß, diesen Schatz zu pflegen und ihn so zu erklären, dass auch andere Menschen das wahrnehmen können und für sich als Genuss empfinden.“ Neben Klassikern wie Grauem Burgunder und Riesling baut der Prinz auch seltenere Rebsorten an. Etwa den Elbling, eine der ältesten kultivierten Weißweinreben Europas oder den Goldriesling – eine sächsische Rarität, die deutschlandweit nur auf 16 Hektar wächst. Und besonders stolz ist Prinz zur Lippe auf die Geschichte des Weinguts. Einer der Weinberge wurde in der Gründungsurkunde der Stadt Freiberg erwähnt und feiert damit am 11. Juni diesen Jahres sein 800jähriges Bestehen. „Das muss man erstmal einem Weingut nachweisen können, das ist schon phänomenal. Wir haben mehrere Weinberge, die schon vor über 800 Jahren urkundlich erwähnt wurden. Und man spürt, dass da viel Geschichte dahinter steckt.“ Diese lange Tradition kommt auch dem Wein zugute: „Qualität geht über alles. Die Größe des Weinguts spielt keine Rolle.“