Roboterkoryphäe Sami Haddadin

„Gemeinsam können wir hier Großes schaffen“

Die Begeisterung für Roboter schlich sich durch die Hintertür in Sami Haddadins Leben. An der TUM studierte er Elektrotechnik und Informatik, heute gehört er zu den weltweit führenden Robotikexperten und ist Träger des Deutschen Zukunftspreises.

Ursprünglich interessierte sich Sami Haddadin vor allem für die Biologie und Physik des Lebens. „Mein Vater ist Arzt, ich komme aus einer multikulturellen Familie mit vielen auch sozial engagierten Wissenschaftlern“, erzählt der 37-Jährige. Doch zu einer Zeit, als er sich für ein Medizin-Studium interessierte, lernte er auf der Hannover-Messe 1999 erstmals einen Roboter kennen. „Das war so eine kleine Roboter-Hand, die menschenähnlich aussah und viele Fähigkeiten hatte“, erinnert er sich. „Ich wusste bis dahin gar nicht, dass Ingenieure sich mit so etwas beschäftigen. Um etwas derart Filigranes zu bauen, muss man ja erst einmal, so vermutete ich zumindest, den Menschen sehr, sehr gut verstehen. Das fand ich irre spannend und kreativ.“

So stolperte Sami Haddadin regelrecht ins Elektrotechnik-Studium („Meine Mutter hat mich einfach angemeldet“), fügte später noch die Informatik hinzu und stellte bald fest: Die Faszination für die Robotik und die maschinelle Intelligenz lässt ihn nicht mehr los. Nach 15 Jahren intensiver Forschung ist ihm zusammen mit seinem Team der entscheidende Durchbruch auf dem Gebiet gelungen: Die Entwicklung eines feinfühligen, intuitiv bedienbaren und kostengünstigen Roboters.

Beim Erschaffen von maschineller Intelligenz geht es um einen sehr viel größeren Begriff als nur um die reine Technik.

Ab April 2018 forscht Sami Haddadin an der TUM

Sami Haddadin ist stets von der Frage getrieben, wie sich Technologie erschaffen lässt, die dem Menschen das Leben einfacher macht und nützlich ist. „Ich begreife Roboter als intelligente Werkzeugkästen für den Menschen. Sie unterstützen und bereichern ihn, werden und sollen ihn aber nie ersetzen.“ Viele Eliteuniversitäten warben um den erfolgreichen Forscher mit dem holistischen Ansatz – darunter Stanford und das Massachusetts Institute of Technology. Sami Haddadins Entscheidung jedoch fiel auf die TUM. Aus guten Gründen: „Ich hatte in den Gesprächen mit dem Präsidium das Gefühl, dass es der TUM darum geht, das Thema tatsächlich als ein ganzheitliches voranzutreiben. Ich habe starke Wurzeln in München und weiß, dass hier ideale Vorraussetzungen zu finden sind. Vielleicht sogar die besten weltweit.“ Die Vision des 37-jährigen ist es, die in München ohnehin schon erfolgreiche und weltweit anerkannte  Robotikforschung noch stärker zu verankern. „Dann könnten wir ein Leuchtturm für das ganze Thema werden“, ist er überzeugt. Dass es richtig war, im eigenen Land zu bleiben und sich nicht von Amerika locken zu lassen, bekam Sami Haddadin durch den Gewinn des Deutschen Zukunftspreises 2017 bestätigt. „Ich empfinde es auch als Anerkennung und Statement für das, was wir versuchen, nämlich Lösungen für die Gesellschaft, in der wir leben, zu schaffen. Und das im eigenen Land. Wie die Digitalisierung im Silicon Valley könnten Robotik und Maschinelle Intelligenz hier in Deutschland stark verortet sein.“ Wir seien ein Land der Vordenker und müssen keine Angst vor anderen Nationen haben, die jetzt aufstreben, findet Haddadin. Mehr noch: „Wenn wir unsere Stärken weiter ausbauen, weiter offen kooperieren und den Austausch schaffen, können wir hier Großes schaffen.“

Schon in wenigen Jahren wird die Robotik unseren Alltag prägen

Die Robotik und die Maschinelle Intelligenz wird unsere Zukunft entscheidend prägen, ist sich Sami Haddadin sicher. Schon jetzt werden Roboter nicht mehr nur in großen Industrien eingesetzt, sondern erreichen mehr und mehr den Mittelstand. Dazu tragen die kostengünstigeren Roboter von Haddadin und seinem Team entscheidend bei. Auch in der Pflegeassistenz können die Maschinen in etwa fünf bis zehn Jahren eine Rolle spielen, so der Experte. „Roboterassistenten könnten ältere Menschen auf vielfältige Weise unterstützen: Bei der Alltagshygiene, beim Aufheben von Gegenständen oder beim Kochen einfacher Gerichte, und auch für die Telemedizin eingesetzt werden. So können die Menschen länger in ihrem gewohnten Umfeld selbstbestimmt wohnen bleiben – schön für sie selbst und auch gut für unser überlastetes Pflegesystem“, findet der Forscher. „Wichtig ist aber zunächst, dass die neuartige Robotik ein gesellschaftliches Thema wird. Auch müssen wir das System, etwa Krankenkassen und Versicherungen, informieren, wie das funktioniert.“

Haushaltshilfen und die Servicerobotik – wie etwa das Einräumen der Spülmaschine – sieht Sami Haddadin ebenfalls in einem absehbaren zeitlichen Horizont in unseren Alltag einziehen. „Entscheidend wird hier sein, dass der Demokratisierungseffekt eintritt – dass die Roboter also von jedermann bedient und bezahlt werden können“, so der Forscher. Und dass die Menschen, denen die Roboter behilflich sein sollen, mitgenommen werden: „Es wird eine wichtige Aufgabe für uns sein, die Ängste, die es gibt, ernst zu nehmen und durch Informieren und Erfahrbarmachen zu entkräften“, ist sich der Wissenschaftler bewusst.  Deshalb gründete er die so genannte Roboterfabrik, die als Begegnungsstätte dienen soll. „Dorthin kommen Schüler, Studenten, Berufsschüler, Azubis. Mein Ziel ist es, dass sie schon in der Schule lernen, wie sie mit diesem Werkzeug sinnvoll und verantwortungsbewusst umgehen können. Es ist benutzbare Technologie, die Sinn und Zweck hat“, so Haddadin. Wenn diese gesellschaftliche Akzeptanz gelingt, sieht er für die Robotik eine große Zukunft: „Ich bin überzeugt, dass sich diese Art der Robotik durchsetzen wird wie einst der Computer und das Smartphone.“