Museumsdirektor Helmut Keim

„Anfangs war ich Mädchen für Alles“

In der Aufbauphase übernahm der promovierte Architekt Helmut Keim die Leitung des ersten zentralen Freilichtmuseums Oberbayerns. Obwohl völliger Autodidakt in museologischen Belangen, gelang es ihm, ein Museum mit Modellcharakter zu entwickeln.

Durch den Kunstunterricht auf dem Gymnasium begann sich Helmut Keim für Architektur, moderne Sakralbauten und für so genannte anonyme Bauten auf dem Land zu interessieren – vor allem für den alpinen Holzbau. Der gebürtige Traunsteiner ging für das Architekturstudium nach München an die TUM und je länger er dort studierte, umso mehr kam er zu der Überzeugung, dass die Erhaltung und Instandhaltung ländlicher Baukultur häufig sinnvoller sind als deren Abriss oder Neuaufbau.

Mehrfach wurde er in den 1960er Jahren für diese scheinbar nostalgische Einstellung belächelt. Doch im Laufe der Jahre entwickelte sich auch das Bewusstsein von Öffentlichkeit und Politik in die Richtung der Bewahrung historischen Kulturgutes. Helmut Keim hatte zu dieser Zeit sein Hobby, die Erforschung alpiner Holzbauten, längst zu seiner Doktorarbeit an der TUM gemacht. Acht Jahre lang blieb er während seiner Promotion am Lehrstuhl für Baukonstruktion und Baustoffkunde und erinnert sich heute zurück: „Ohne meine Assistentenzeit an der TUM hätte mich die Hausforschung und -kunde nicht derart gepackt und mich auf dieses Gleis gebracht“.

Vom Architekten zum Museumsdirektor

Knapp drei Jahre später war es der Gründungsdirektor des Freilichtmuseums Glentleiten, der Helmut Keim weiter in diese Richtung bewegte, als er ihm die Bewerbung um den Leitungsposten nahelegte. Das junge Museum, das historische Gebäude aus ländlichen Gebieten Oberbayerns nebst dazugehörigen volkskundlichen Objekten beherbergt, sollte vom Hausforscher Helmut Keim weiter aufgebaut werden. „Ich hatte nicht gedacht, dass ich Chancen hätte“, denkt Helmut Keim zurück, „aber als Freiberufler mit Frau und zwei Kindern kam eine sichere Beamtenstelle nur recht“.

Ohne meine Zeit an der TUM hätte mich die Hausforschung und -kunde nicht derart gepackt.

Helmut Keim setzte sich gegen die Mitbewerber durch, trat 1979 seine Stelle als Museumsdirektor an und musste rasch feststellen, dass ihm seine 60-Stunden-Woche kaum noch Zeit für die Familie ließ. In musealen Belangen war er absoluter Autodidakt, Vorbilder für die erforderlichen Infrastrukturen gab es in Bayern kaum und es fehlte vor allem an Mitarbeitern, die ihn bei der Behebung der zahlreichen, der rapiden Aufbauphase geschuldeten Mängel fachkundig unterstützen hätten können.

Exemplarische Aufbauarbeit durch Teamarbeit

In den Anfangsjahren machte Helmut Keim noch fast alles selbst – „ich war Mädchen für Alles; für die Anschaffung der Exponate, deren wissenschaftliche Erforschung und den sachkundigen Aufbau bis hin zur selbst gestalteten Werbeanzeige“. Im Laufe seiner Direktion gelang es ihm aber, die Anzahl der Fachkräfte am Museum durch die Einforderung der entsprechenden Planstellen, etwa für Dokumentation, Restaurierung, Museumspädagogik, Landschaftsökologie, zu vervielfachen. Hinzu kam, dass Helmut Keim ein weit verzweigtes Netzwerk an fachlichen, behördlichen und fördernden Kontakten aufbauen konnte, sich mit anderen kulturhistorischen Museen kontinuierlich beriet und langjährige und zuverlässige Partner ins Boot holte. Nicht zuletzt durch diese selbst initiierte Teamarbeit, sicherlich ergänzt um seine eigene Expertise als Hausforscher, aber auch um seine Hartnäckigkeit in der Vertretung der musealen Interessen und Erfordernisse gegenüber den Behörden, konnte Helmut Keim die gravierenden Versäumnisse aus der Frühzeit des Museums in exemplarischer Aufbauarbeit ausgleichen.

Sammeln, Erforschen, Bewahren, Bilden

Unter seiner Ägide wurden wesentliche Strukturen des Freilichtmuseums verbessert oder zuallererst geschaffen – und das nicht selten mit Modelcharakter und Richtwert für andere kulturhistorische Museen: So holte Helmut Keim zunächst in aufwändiger Arbeit die Dokumentation, Erforschung, Aufbereitung und Inventarisierung der Exponate nach und hob die Standards hierfür an. Auch entwickelte er in diesem Zuge die wissenschaftliche Methodik weiter, verbesserte das Vorgehen bei den Haus-Versetzungen und löste durch neue Ansätze grundlegende konservatorische Probleme. Neue Wege beschritt er schließlich auch mit der Einführung experimenteller Präsentationsmethoden und moderner audio-visueller Vermittlungsstrategien. Beim Publikum kamen diese sehr gut an und auch in Fachkreisen haben sie Beachtung gefunden.

Stets zählten für Helmut Keim Originalität und Authentizität beim Wiederaufbau der Häuser, Wahrheitstreue und Genauigkeit, Nachprüfbarkeit und Transparenz. „Für mich war die historische Treue das Entscheidende – und nicht der Zeitgeschmack.“ Er wollte Geschichtszeugnisse auf fachlich hohem Niveau bewahren und sie so präsentieren, dass die Besucher die bau- und sozialgeschichtlichen Dokumente verstehen und vor allem Spaß dabei haben. Mehrfach konnte Helmut Keim hierbei den Museumsträger von seinen Neuerungen überzeugen, auch wenn diese den avisierten Zeit- und Kostenplänen widersprachen.

Mit Genugtuung und gleichwohl bescheiden merkt Helmut Keim an, dass heute die Glentleiten als größtes Freilichtmuseum Südbayerns zu den fachlich führenden Museen seiner Art in Europa zählt. An den Besucherzahlen gemessen ist sie eines der erfolgreichsten Museen in ganz Bayern. Seit 2004 ist Helmut Keim nun im Ruhestand. „Auch wenn die Arbeit Spaß gemacht hat“, sagt er, „ist mir damals der Abschied vom Museum sehr leicht gefallen“. Ganz losgelassen hat ihn die Hausforschung dennoch nicht: kaum im Ruhestand ging er die hundert Standorte der in seiner Dissertation erfassten archaischen Pfostenspeicher und –scheunen in Tirol erneut ab und ergänzte die Dokumentation um nunmehr mögliche Altersbestimmungen. 2011 konnte er sein Werk dann endlich publizieren. „Da war ich ganz schön beschäftigt“, so Helmut Keim im Rückblick, „aber wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es womöglich keiner gemacht und diese Form der ländlich-bäuerlichen Baukultur wäre einfach unbeachtet verschwunden.“