Geruchsforscherin Andrea Büttner

„Mit drei Kindern macht man keine Forscherkarriere“

TUM Alumna Andrea Büttner ist Dreifachmutter, Professorin und doppelte Führungskraft. Eine ihrer neuesten Herausforderungen? Düfte digitalisieren. Ihre Erfolgsformel? Kommunikation, Kooperation und Wissensdurst.

Andrea Büttner ist eine Powerfrau und dazu Pragmatikerin durch und durch. So studierte sie Lebensmittelchemie, weil es laut Studienführer nur vier Jahre dauern sollte – im Gegensatz zum Chemiestudium, für das zwei Jahre mehr veranschlagt waren. Mit einem ähnlichen Ansatz begann sie im Anschluss ihre Promotion. Es zog sie eben noch nicht in die Industrie.

Der Weg zum Wissensdurst

Was dann allerdings passierte, beeinflusste ihr Berufsleben nachhaltig. Während sie an ihrem Promotionsthema arbeitete, entdeckte sie ihren Forscherdrang. „Im Laufe meiner Promotion stieg meine Faszination. Ich entwickelte mich zur Forscherin, weil ich auf immer mehr Fragen keine Antworten fand und ungeduldig beschloss: Die muss ich jetzt finden“, erklärt sie mit leuchtenden Augen. Mit diesem Wissensdrang im Gepäck, der sie seitdem Tag und Nacht antreibt, war der Weg vorgezeichnet. Andrea Büttner habilitierte sich an der TUM und wurde Lehrstuhlinhaberin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Ihr Antrieb und Erfolgsgeheimnis blieb dabei immer der Wissensdurst und nie die zu erwartenden Positionen: „Ich habe mich nicht dafür entschieden, weil ich unbedingt Professorin werden wollte, sondern weil ich Dinge verstehen wollte!“

Mit Kindern macht man keine Forscherkarriere? Von wegen

Auch, dass man ihr bereits früh sagte, mit drei Kindern könne sie keine Karriere in der Forschung machen, irritierte sie wenig. Eine „Geht nicht“-Attitüde gibt es bei ihr nicht. Im Gegenteil: Sie übernahm zusätzlich zu ihrer Professur für Aroma und Geruchsforschung die stellvertretende Leitung am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising und wurde vor kurzem zusätzlich noch Mitglied der Leitung des Campus der Sinne Erlangen. Hier entdeckte sie neue Talente an sich: „95 Prozent meiner Arbeit macht mittlerweile das Kommunikationsmanagement aus. Ich vermittle zwischen Abteilungen und über Grenzen hinweg. Das ist etwas Neues, das mir total Spaß macht.“

Meine Erfahrung ist, dass man im Team oder in vernetzen Strukturen so unfassbar viel erreichen kann, was alleine niemals zu schaffen wäre.

Starke Allianzen und Kooperationsbereitschaft

Und genau das ist das zweite Geheimnis ihres Erfolgs: Allianzen eingehen, Kooperationspartner suchen, Kommunizieren und sehr gute Organisation. Das gilt für sie im Beruflichen wie im Privaten: „Kooperationsfähigkeit ist so wichtig, aber viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind oft nicht in der Lage zu kooperieren, sie wollen sich vor allem selbst profilieren.“

Drei Kinder, mehrere Fulltime-Jobs, ein unendlicher Wissensdurst und ein Vollzeit arbeitender Mann. Wo es geht, überträgt sie ihren kooperativen Ansatz auf ihr privates Umfeld: „Ein Geschäftsmodell ins Privatleben zu übersetzen – da tun sich viele enorm schwer. Aber man muss Allianzen eingehen.“ Und in der Tat, ein Tag im Hause Büttner ist straff organisiert. „Wir stimmen uns unglaublich viel mit Großeltern und anderen Eltern ab. Alles ist durchgetaktet, zum Beispiel wenn es darum geht, die Kinder abzuholen.“

Auf die Infrastruktur kommt es an

Aber auch die besten Allianzen können nicht immer helfen. Das weiß Andrea Büttner. In Deutschland ist und bleibt es meistens schwierig, wenn beide Partner Karriere machen möchten. Deshalb betont sie, dass ihre Karriere vielleicht tatsächlich nicht in dieser Form möglich wäre ohne die guten Rahmenbedingungen, von denen ihre Familie profitiert. So habe sie das Glück, dass ihr Mann am Europäischen Patentamt arbeite. Dort hat man einen Krippen- und Kindergartenplatz sicher sowie einen Platz in der Ganztagesschule. In ihren Augen zeigt das: „Kinder und Beruf lassen sich verbinden, wenn die richtige Infrastruktur gegeben ist.“ Ganz einfach ist es aber trotzdem nicht. Einen Urlaub, in dem Andrea Büttner den Computer nicht anschaltet, gibt es kaum. Sie könne sich das als Führungskraft nicht erlauben. Ganz besonders nicht bei ihrer neuesten Herausforderung: der Digitalisierung des Geruchssinns.

Den Geruchssinn digitalisieren durch Kooperationen

Am „Campus der Sinne“ forscht Andrea Büttner institutsübergreifend und zusammen mit vielen verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern der Chemie, IT, Medizin, Ingenieurwissenschaften und Neurowissenschaften daran, den Geruchssinn zu digitalisieren. Ein revolutionärer Ansatz, der dazu führen soll, dass eines Tages Sensorsysteme, Computer oder Roboter tatsächlich riechen und Geruch wieder geben können. Riechen und bewerten basieren auf unendlich vielen Prozessen und Variablen, an denen unsere Nase und unser Gehirn beteiligt sind. Erst wenn das Forscherteam weitere Erkenntnisse zum Zusammenspiel der menschlichen Sinne gewonnen hat und die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Menschen besser versteht, ist der Weg bereit für die Digitalisierung.

Bis das so weit ist wird sich Andrea Büttner noch viele Male von ihrem Mann sagen lassen: „Du arbeitest viel zu viel.“ Und sie wird jedes Mal das machen, was sie dann immer macht. „Ich schaue meinen Mann dann immer rätselhaft an. Denn das, was ich mache, ist ja gar keine Arbeit“, lacht sie. So ist das eben, wenn man Forscherin aus Leidenschaft ist.