Gender-Forscherin Alina Gales

„Weibliche Partizipation ist von essentieller Bedeutung“

Frauen haben kein Interesse an Technologie? Unsinn, sagt TUM Alumna und Gender-Forscherin Alina Gales. Frauen hätten nur weniger Interesse an Produkten, in deren Entwicklung sie weniger repräsentiert sind, da sie von Männern für Männer gemacht würden.

Dr. Alina Gales musste in ihrer Doktorarbeit feststellen, dass Frauen immer noch mit stereotypen Vorurteilen zu kämpfen haben, wenn es um den kompetenten Umgang mit Technologie geht. Nicht selten wird von Vornherein davon ausgegangen, dass Frauen per se weniger Interesse an MINT-Fächern oder an digitalen Technologien hätten. Diese Wahrnehmung will die Alumna schleunigst ändern.

Schleppende Gleichberechtigung

Schon in ihrer kommunikationswissenschaftlichen Masterarbeit an der University of Amsterdam in den Niederlanden ließ Alina Gales Aspekte der Geschlechterforschung einfließen. Danach stand für sie fest, dass sie in ihrer Doktorarbeit die Lebensrealität von Frauen im digitalen Zeitalter in Bezug auf Technologien beleuchten wollte.

Mit jeder weiblichen Partizipation in MINT und Technologien normalisiert sich die Wahrnehmung einer selbstverständlichen Kompetenz von Frauen.

2021 schloss Alina Gales ihre Promotion in Gender Studies in Engineering and Science an der TUM ab. Die Resultate ihrer Forschungen zeichnen aus feministischer Sicht nicht gerade ein rosiges Bild. „Nach wie vor lassen sich stereotype Fremd- und Selbsteinschätzungen für Frauen im Zusammenhang mit MINT-Fächern und technologischer Kompetenz feststellen“, erklärt die Forscherin. „Sowohl im schulischen, im universitären als auch im beruflichen Umfeld lässt sich in diesen Bereichen ein geringerer Frauenanteil verzeichnen.“

Was Frauen die Lust an der Technik verdirbt

Nicht nur im Hinblick auf Gleichberechtigung ist diese zahlenmäßige Schräglage wenig wünschenswert. Sie birgt auch die Gefahr, dass sich Vorurteile, Stereotypen und Diskriminierungen wie in einem Teufelskreis technologisch manifestieren. Denn das Übermaß an Männern in der Entwicklung neuer Produkte im Bereich der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz führt dazu, dass diese auch primär aus männlicher Perspektive entwickelt werden. Die Person, die aus der eigenen Perspektive etwas intuitiv erarbeitet, entscheidet also darüber, welche Person später die Nutzung des entwickelten Produkts als intuitiv wahrnimmt – oder nicht. „Deswegen ist weibliche Partizipation in allen technologieübergreifenden Bereichen von essenzieller Bedeutung“, sagt Alina Gales. „Ich plädiere für einen integrativen Designansatz neuer digitaler Produkte, der einer ethischen und verantwortungsvollen Methodik folgt.“

Seid mutig!

Je mehr sich die junge Forscherin mit ungleichen und ungerechten Strukturen in der Gesellschaft beschäftigt, desto weniger lässt sie das Thema los. Ihr Ziel ist es, die Forschung mit der Praxis zu vereinen. „Die Missstände und Ungerechtigkeiten für Frauen sind zwar bekannt und werden thematisiert, jedoch kommen Veränderungsprozesse nur schleppend voran“. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse können hierbei als wichtige Diskussionsgrundlage dienen, um für die nötigen Änderungen zu argumentieren. „Gemeinsam können Wissenschaft und Wirtschaft, gerade im Bereich Gender Equality, mehr erreichen als getrennt voneinander.“

Alina Gales nimmt ihre Sache sehr ernst und macht keine halben Sachen. Jüngst präsentierte sie ihre Forschungen an der University of California Berkeley in den USA und auf dem Oxford Women’s Leadership Symposium in England. Beim nächsten Women of TUM-Afterwork „Gender & Technologie: Wo stehen wir im digitalen Zeitalter?“ am 21. April 2021 wird sie den Abend eröffnen. „Den Women of TUM möchte ich vor allem eines mit auf den Weg geben: Seid mutig!“, sagt Alina Gales. „Mit jeder weiblichen Partizipation in MINT und Technologien reduzieren sich Vorurteile und normalisiert sich die Wahrnehmung der Kompetenz von Frauen.“